Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

19.09.2012 |  Ingrid Bertel

Facebook-Dramen

In seinem Roman „Lachdiebe“ bemüht sich Rainer Juriatti um Aktualität, verheddert sich aber im hohen Ton und scheitert am eigenen Ehrgeiz.

„Ehrgeiz ist der Tod des Denkens.“ Dieser richtige Satz Ludwig Wittgensteins fehlt in der üppigen Sammlung von Aphorismen und eleganten Formulierungen großer Philosophen und Schriftsteller, die Rainer Juriatti so verschwenderisch in seinen Roman streut, als wären es Kalendersprüche. Sein Held ist Fotograf und Bildredakteur mit bedrückendem Spezialgebiet: Die Zurichtung von Katastrophenbildern auf ein konsumierbares Maß ist sein Bürojob, und der lässt ihn zwischen Abgestumpftheit und Verzweiflung pendeln.

Vor kurzem ist dieser Mann nach Graz gezogen, weil sich seine Frau von ihm getrennt hat. Die drei Kinder sieht er nur noch sporadisch; geblieben ist ihm das Geschenk seiner Jüngsten, ein Plüschhund namens Gerold, dessen Schlappohren Tränen ebenso aufnehmen wie den Rauch unzähliger Zigaretten.

Peter Handkes hoher Ton

„Dass er gefällig war, das galt es zu ändern.“ Sätze dieses Bautyps durchziehen den Roman. „Dass er Charme besaß, wollte er nicht missen…“ Der Charme des Schemas ist bald erschöpft, ist zunehmend nervig.

„Dieser Art waren die Tage.“ Noch so ein an Peter Handke geschulter Satzbau-Typ. Leider folgen dem hohen Ton regelmäßig Abstürze in sprachliche Wildnis. Da ist von einem Dialog die Rede, „der das Nichtergründbare zu ergründen gedachte.“ Ist wohl ein echter Vifzack, der Herr Dialog! Was Wunder, dass sich der Ich-Erzähler verkrampft: „Fluchtwillig mühte er sich durch den Dialog.“

„Wohltuend fügte er ein Bild seiner Mansarde hinzu.“

Gerne hält sich dieser Ich-Erzähler im Facebook auf. Dort findet er ähnlich verschwurbelte Bekannte, mit denen er sich auch per SMS unterhalten kann. Meist sind es „Frauenkörper“, die er bisweilen in Hotelzimmern verführt. Doch zunehmend tauscht er die erotischen Erlebnisse gegen Wodka Lemon, vor allem wenn die „Frauenkörper“ zu „Bekannten“ werden: „Als sie forderte, er möge sich dazu bekennen, seine Exfrau nicht mehr zu lieben, erschrak er.“

Gottsucher im Netz

Wäre die Verstörtheit dieses Protagonisten weniger hochgeistig aufgemotzt, sie hätte das Potenzial zu einer spannenden Lese-Erfahrung. Denn immer wieder gelingen Juriatti Passagen von großer Intensität und auch Komik, etwa dort, wo der Bildredakteur gern an etwas glauben möchte und nicht kann. Dann verlässt er sich nämlich auf Heinrich Heines trockenen Witz: „Gott werde ihm, sofern es ihn gebe, wohl verzeihen, es sei ja sein Beruf.“

 

Rainer Juriatti, Lachdiebe. Gebunden mit Schutzumschlag, 168 Seiten, 17,90 Euro. ISBN 978-3-902534-60-6, Limbus Verlag, Innsbruck 2012.

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • juriatti_lach_cover_down-jpg