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22.01.2020 |  Dagmar Ullmann-Bautz

Esaus erfüllte Sehnsucht – eine lukullische Hommage in Schwärzlers feinem Literatursalon

Seit Oktober 2016 veranstaltet das Hotel Schwärzler in Zusammenarbeit mit Literatur Vorarlberg und dem Theater Kosmos Schwärzlers feinen Literatursalon. In einem kleinen, fast intimen Kreis stellt ein nicht zuvor genannter, aber nicht unbekannter Gast ihr bzw. sein Lieblingsbuch vor, ein Werk, das sie oder ihn beeinflusst und begleitet hat. Und jedes Mal ist es ein wohlgehütetes Geheimnis, wer denn nun Gast des jeweiligen Abends sein wird.

Aufmerksame Gastgeberin

Der Name ist Programm, handelt es sich doch tatsächlich um einen FEINEN Literatursalon, in einem wunderschönen Ambiente, mit einer zauberhaften und sehr aufmerksamen Gastgeberin – der Hotelmanagerin und Literaturbegeisterten Susanne Denk.

Kribbelnder Start

Es ist ein sehr schönes Konzept, einen Literatursalon anzubieten, den jedes Mal ein Geheimnis umgibt. Denn nicht nur wird zuvor nicht verraten, wer der Gast des Abends ist, sondern auch nicht, aus welchem Buch sie bzw. er lesen wird. Das macht den Start kribbelnd und weckt alle Sinne.
Am letzten Sonntag startete der Abend wie immer mit einem feinen Aperitif im sehr schönen Entree des Hotels - aufmerksam umsorgt von Susanne Denk und ihrem Team.
Dort entwickeln sich erste Gespräche, entweder man kennt sich bereits oder man lernt sich kennen. Die Spannung steigt, als Frau Denk nach angenehmer Warm-up-Zeit die Gesellschaft ins Babenwohlzimmer lädt, wo die BesucherInnen nach einer wohlüberlegten Sitzordnung Platz nehmen.

Kulinarische Freuden

Während rundum kurzweilige Gespräche mit den neuen Tischnachbarn beginnen, wird auch schon bald die Vorspeise serviert. Ein Blick auf die Karte verrät – es gibt geräucherte Entenbrust am Kräuterfrischkäsering, gepimpt mit einer zarten Kräutercrumble und umgeben von grünen Bohnen und kleinen Tupfen vom Preiselbeergelee. Eine dem Gaumen schmeichelnde Kombination, begleitet von einem süffigen Gamlitzer Weißburgunder 2017 aus dem Weingut Sattlerhof.

Tagebuchartig verfasste Geschichte

Dann endlich wird das erste Geheimnis des Abends gelüftet. Der heutige Gast ist Dr. phil. Jürgen Thaler, Germanist und Kommunikationswissenschaftler und seit 2018 Leiter des Franz-Michael-Felder-Archivs in Bregenz. Thaler, der besonders mit der von ihm und Ute Pfanner kuratierten Ausstellung „Wacker im Krieg“ im Vorarlberger Landesmuseum auf sich aufmerksam gemacht hat, beginnt nach kurzer Vorstellung durch Theater Kosmos Leiter Hubert Dragaschnig gut aufgelegt seine Lesung. Umgehend entsteht eine herrlich leichte Vibration im Raum. Die tagebuchartig verfasste Geschichte, die Thaler liest, entführt uns ins Wien der, wir wissen es noch nicht genau, wohl 80er Jahre, und dort an und in alle möglichen und unmöglichen Lokalitäten. Der Protagonist isst und trinkt sich einen Tag lang durch Wien, vom Ring bis zum Prater, vom Italiener bis zu McDonald's, und wieder zurück. Einige im Raum nicken wissend, andere schauen ratlos, denn schon bald darf und soll nach dem Autor gefahndet werden. Wir sind ganz nahe dran, diesen dingfest zu machen, einzig die mehrfach aufgesuchte Fastfoodkette irritiert und führt, zumal bei uns, zu keinem Konsens. Ein Gast lässt sich jedoch nicht in die Irre führen und trifft mit seiner Antwort voll ins Schwarze; Jürgen Thaler hat uns den Autor und Universalgelehrten Kurt Bracharz mitgebracht und aus seinen Werken „Esaus Sehnsucht“ und „Esaus Erfüllung“ gelesen!

Ein Toast auf Kurt Bracharz

Kurt Bracharz ist erst vor zwei Wochen verstorben, aus diesem Anlass hat Dr. Thaler sein Vorhaben geändert und mit Bracharz' literarisch-gastronomischem Intensivtrip durch Wien sich für einen ganz wunderbar passenden Lesestoff für diesen Abend entschieden. Kurt, den wir persönlich kannten, hätte das bestimmt goutiert - und wohl auch der Karte mit der exquisiten Wein- und Speisenauswahl für den ihm gewidmetem Abend zugestimmt. Vielleicht hätte er dann da und dort etwas zu mäkeln gehabt, vielleicht, wir spekulieren, wäre ihm das als Duett kredenzte Haselnuss-Knusper-Nougat mit Erdbeer-Sauerrahm-Eis ja etwas zu süß gewesen, aber Mäkeln und Kritisieren - dies immer wohlbegründet - das gehörte einfach zu ihm. Die herrlich sämige Cremesuppe von der Kerbelknolle mit getrüffelten Schweinebauch-Stückchen hätte seinem strengen Urteil sicher Stand gehalten und wahrscheinlich hätte er, wie er das oft tat, in den folgenden Tagen versucht, das eine oder andere nachzukochen, vielleicht den als Hauptspeise servierten und uns ebenso wie den anderen Gästen großartig mundenden lauwarmen Seesaibling an konfierter Schwarzwurzel mit Flower Sprouts und Granatapfel-Mandelcreme. Am Ende seines Experiments hätte Kurt dann sein grandioses Scheitern schonungslos bekannt und dies in einem seiner nächsten Beiträge humorvoll-köstlich zu Papier gebracht!

Leichte und spritzige Hommage

Für uns Schreibende bleibt dieser Abend - nach einem erst kürzlich in einem anderen Lokal erlebten Waterloo - als kulinarisches Highlight in Erinnerung, und davon unterstrichen noch viel mehr als wohlverdiente, leichte und spritzige Hommage an Kurt Bracharz, einem Autor, der sich immer wieder mit seiner Ehrlichkeit, seinem Sarkasmus, bisweilen Zynismus, stets aber mit viel Humor und auch Selbstironie in die Köpfe seiner Leser und Zuhörer geschrieben hat, diese damit an- und bisweilen aufregte, mit seinen Kritiken immer wieder gut informierte, und der nicht zuletzt, so wie mit seinen Tagebüchern, köstlich zu amüsieren verstand. DANKE KURT!

Co-Autorin: Franziska K.

Die nächsten Termine für Schwärzlers feiner Literatursalon:
2. Februar 2020 | 1. März 2020 | 26. April 2020, jeweils Sonntag ab 18 Uhr
Menü inkl. Weinbegleitung + Literatur Salon: 79 € pro Person

 

Dr. Jürgen Thaler

Dr. Jürgen Thaler

Kurt Bracharz (1947-2020)

Kurt Bracharz (1947-2020)

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