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09.01.2020 |  Peter Niedermair

Literatur in der Krone: Peter Handke Literaturnobelpreisträger 2019 - „Eine winterliche Reise durch das Werk von Peter Handke“

mit Rolf Steiner – „Schriftsteller und einer, der auszog Peter Handke zu treffen.“ – und Lojze Wieser, Verleger und Autor „u.a. wie Peter Handke von Europa erkochen zu sprechen pflegt“. Vom 17. bis 19. Jänner 2020 im Gasthof Krone in Hittisau.

Literatur in der Krone 

Dietmar Nussbaumer, Hotelier und Gasthof Krone Chef, ist Rolf Steiner seit vielen Jahren bekannt, er hatte vor Jahren sein Buch „Der Holunderkönig“ in der Krone in Hittisau vorgestellt, und aus der Frage heraus, wie man sich fühle, einen Literaturnobelpreisträger zu kennen, seien diese Tage entstanden. Lojze Wieser, den er ebenfalls schon lange kenne, habe er dieselbe Frage gestellt. Die Idee zu den Tagen mit Peter Handkes Literatur im Zentrum entstand in der Zeit unmittelbar um die Verleihung des Nobelpreises, als thematisch im Wesentlichen von Berufenen und solchen, die sich berufen fühlten, über Politik und Serbien und Handkes angebliche Verteidigung der Politik von Slobodan Milošević gesprochen wurde, nicht jedoch über seine Literatur. Kenner wie der Krone-Hotelier interessieren sich, und wie er denkt, viele andere auch, vor allem für die Literatur. Die politischen Aspekte gehören für Nußbaumer dazu, die könne man nicht ausklammern, doch in der Veranstaltung vom 17. bis 19. Jänner in der Krone gehe es hauptsächlich um Literatur. Die literarische Gesellschaft Vorarlbergs bringt sich mit dem Obmann des Felder Vereins, Norbert Häfele, ebenfalls ein. 

Das Programm der Tage verantworten Rolf Steiner und Dietmar Nussbaumer gemeinsam. Wenn es bei Rolf Steiner heißt „Schriftsteller und einer, der auszog Peter Handke zu treffen“ hat das etwas sehr poetisch-Märchenhaftes an sich, das er im „Holunderkönig“ beschrieben hat. Steiner sei in den Ort bei Paris gefahren, in dem Handke wohnt, „hatte keine Ahnung von wo, wie, was, hockte sich in ein Café und dachte sich, jetzt komme Handke bald einmal vorbei, was natürlich nicht so war. Er traf ihn nicht und fuhr nach einer Woche unverrichteter Dinge wieder ab, fuhr dann aber wieder hin, hat ihm geschrieben, das Brieflein an die Tür gesteckt und dann hat Handke ihm zurück geantwortet.“ Mit Handke verbindet Lojze Wieser eine sehr lange schon dauernde Freundschaft, beide kommen aus Griffen, beide sind Deutsch-Slowenen. Von Lojze Wieser ist später noch die Rede. 

Mit der „winterliche(n) Reise durch das Werk von Peter Handke“ bringt Dietmar Nussbaumer einen nächsten erlesenen Schatz in den Bregenzerwald. Das Literaturprogramm in der Krone hat im Laufe der letzten Jahre viele bedeutende Literaturakzente, Sternenstunden, wenn man so möchte, gesetzt, Handke mit seinem herausragenden literarischen Duktus, seiner sanften Wortmächtigkeit, passt bestens zu Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, die nächsten Proust-Tage im Dezember 2020 in der Krone werden die 10. sein.  

Handkes Vorwort zur Franz Michael Felder Autobiographie „Aus meinem Leben“

Peter Handke hat 1985 zur Neuausgabe von Felders „Aus meinem Leben“ ein enthusiastisches Vorwort geschrieben. Er war auch daran beteiligt, dass die Autobiografie ins Französische übersetzt wurde. Seine Stimme, wie auf der Felderverein-Homepage zu lesen, ist in einem Interview im Felder-Museum in Schoppernau zu hören: Ein Felder-Begeisterter und Lebens-Verwandter.

Die Neuausgabe bedeutete, wie Jürgen Thaler, Leiter des Franz Michael Felder Archivs, im Gespräch gegenüber KULTUR betont, „ein Befreiungsschlag. Mitte der 80er Jahre war ein Vorwort von Peter Handke der Ritterschlag. Handke, als großer Leser, hatte sich immer schon für andere, für vergessene Autoren eingesetzt, dass sie wieder gelesen werden. Interessant ist auch die Vorgeschichte, wie es überhaupt zu dem Vorwort kam.“ Das sei reiner Zufall gewesen. Felders Text war nach dem Krieg, in den 70er, 80er Jahren nur in regionalen Ausgaben verfügbar. Walter Methlagl, damals an der Uni Innsbruck, hatte die Felder Gesamtausgabe auf Weg gebracht und gleichzeitig die Fritz von Herzmanovsky-Orlando Gesamtausgabe bei Residenz gemacht. Eines Tages waren Methlagl und Jung miteinander unterwegs, man redete u.a. auch über F.M. Felders „Aus meinem Leben“, und Jung meinte, das gefalle Peter Handke, er wolle ihm diesen Text schicken. Aus einem solchen Zufall entstand dieses Vorwort. 

Mitte der Achtziger war auch die Zeit der Anti-Heimat-Literatur, zu der Handke Felders Biographie wie verfremdet, verwandelt sah. In seinem assoziativen Vorwort geht Handke einen Schritt darüber hinaus, indem er dessen Form des Erzählens und was F.M. Felder beschreibt, als literarisch originell und eigenwillig bezeichnet. „Aus meinem Leben“ gewann mit diesem Vorwort erstmalig überregionale Aufmerksamkeit. Thaler: „Felder war in einem gewissen Sinne als Landesdichter und Heimatdichter belastet worden, als ein Mann der Scholle, als Mann des Lichtes und der Aufklärung, ein Sozialreformer.“ Alle versuchten Felder für sich und ihre gesellschaftspolitischen Haltungen zu vereinnahmen. Nach 1945, als es zentral um die Landesideologie ging, brauchte man einen Heimatdichter, um sich von Deutschland abzugrenzen. Im Residenz Verlag, damals der Top-Verlag in Österreich, sind die großen Autorinnen und Autoren erschienen. Residenz hat F.M. Felder in eine andere Liga gehoben. Später, 1999, war „Aus meinem Leben“ nicht mehr lieferbar, eigentlich ein Skandal, und auch später war es schwierig, für das Buch einen Verlag zu finden. Jung und Jung sowie Residenz wollten das Buch nicht machen. Schließlich bekam der Libelle Verlag die Rechte. Im April 2019 erschien im Jung und Jung Verlag Franz Michael Felder: „Aus meinem Leben“, hrsg. von Jürgen Thaler mit einem Vorwort von Arno Geiger. Und noch ein interessanter Hinweis: Jetzt, 2020, erscheint die englische Übersetzung von „Aus meinem Leben“ beim privat geführten Pushkin Press Verlag in London, die erste Adresse u.a. für Übersetzungen nicht-englisch-sprachiger Literatur, Klassiker wie Kafka, Fallada, und the who is who? Name them. Jürgen Thaler: „Handke heute, ein alter, weiser Mann, der sich gegen die Anschuldigungen im Zuge der Verleihung des Literaturnobelpreises nicht mehr wehrt. Vor fünf, sechs Jahren, als er den Heine-Preis erhielt, schrieb er noch dazu. Das macht er heute nicht mehr.“

Programm der Handke-Tage Mitte Januar 2020

Freitag, 17.1., 18 Uhr: moderiertes Gespräch mit Rolf Steiner, Lojze Wieser und Norbert Häfele über den Menschen und Literaten Peter Handke. Musikalische Begleitung Josef Dorn und Tobias Adilovic.

Samstag, 18.1., 15.30 Uhr: Rolf Steiner „Ganz Auge, ganz Ohr – Unterwegs im Hinterland. Ein Streifzug durch das Werk von Peter Handke“, vom „Versuch über den geglückten Tag“ bis zur „Obstdiebin“, mit dem „Holunderkönig“ als Stichwortgeber, gelesen von Tobias Fend. Musikalische Begleitung von Nedjib. 

Sonntag, 19.1., Matinée um 11 Uhr: Rolf Steiner – „Grundwut“ und Sanftmut: Handke / Hendrix (szenische Lesung). Textpassagen des Zorns, von der „Publikumsbeschimpfung“ über die „Lehre der Sainte Victoire“, „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ bis zu „Vor der Baumschattenwand nachts“, dazu Auszüge aus zwei Zeitungsinterviews, in denen Handke über den Unterschied zwischen Wut und Zorn und über seine „Grundwut“ spricht. „Sanftmütige“ Passagen aus eben den gleichen Büchern, zuzüglich der „Winterliche(n) Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“. Handkes Sanftmut offenbart sich in der Erwärmung des Vorhandenen, also im herzlichen Empfang der Dinge und ihrer sprachlichen Entfaltung. 

Handke und Jimi Hendrix 

„Die Vorlesepassagen werden mehrfach unterbrochen von Jimi Hendrix' Auftritt in Woodstock aus dem Jahr 1969, wo er seine Version der amerikanischen Nationalhymne (The Star-Spangled Banner), eine der wenigen gelungenen Vereinigungen von Kunst und politischer Agitation, gefolgt von einem instrumental Solo, das den Ausklang des Festivals markiert und darüber hinaus einen der sanftesten musikalischen Ausklänge der Rockgeschichte darstellt, zum Besten gibt. Hendrix' Spiel kommt von der Schallplatte. Das Spiel des Vorlesers geschieht nicht auf Knopfdruck, sondern im beweglichen Hin und Her zwischen dem Auf- und Durchblättern der Bücher, dem Vor- und Verlesen, dem Aufschlagen und Zusammenfalten der Tageszeitungen, dem Aufstehen und Verlassen des Vorlesetischs und dem Betätigen des Schallplattenspielers, respektive dem oftmaligen Senken und Heben des Tonarms auf der Suche nach der richtigen Rille.“ (Rolf Steiner)

Auf die Kombination von Handke-Texten und The Star-Spangled Banner von Jimi Hendrix darf man gespannt sein. „Das sternenbesetzte Banner“ ist seit dem 3. März 1931 die offizielle Nationalhymne der USA. Die Melodie stammt aus dem populären englischen TrinkliedTo Anacreon in Heaven von John Stafford Smith. Eine Aufsehen erregende Darbietung stammt von Jimi Hendrix 1969 auf dem Woodstock-Festival. Er ließ die Melodie der Hymne aus Protest gegen den Vietnamkrieg in auf der Gitarre erzeugtem Kriegslärm untergehen. 

Lojze Wieser

Der letzte Absatz in diesem Vorbericht, zitiert aus einer E-Mail von Lojze Wieser vom 25. Dezember 2019. Dieser umfasst wie in einem Brennglas die Poesie dieser Tage um Handkes Literatur. Und als ich Lojze Wieser frage, was er denn mit dem Bregenzerwald und Hittisau im Speziellen assoziiere und erinnere, antwortet er, da komme eine unbeschreibliche Wärme in ihm auf. Zunächst sei ihm das eine vollkommen unbekannte, unheimliche Gegend gewesen, von der er gehört habe, dass sie sehr verschroben, im Dunkel versunken sein soll. Doch je mehr er dort eingetaucht sei, desto offener und freier sei ihm dort alles geworden. Harmonie und das Gemeinsame haben jene, die aus dem Bregenzerwald weggezogen und wieder gekommen sind, wie die Baumeister, schon vorgelebt, erzählt Lojze Wieser im Gespräch. Vieles von diesem Spirit sei im Bregenzerwald, u.a. in der Baukultur sichtbar, wie man mit dem Holz umgeht und mit den Bushaltestellen. Wieser hat einen wunderbaren Film über den Bregenzerwald gemacht, „Der Geschmack Europas“ – Im Wieser Verlag steht dazu: „Vom Karst und der Brda über die Innerschweiz nach Siebenbürgen und in die Maremma reisen, von der Lausitz nach Flandern und Istrien, von da ins Gailtal, danach dem Jakobsweg nach Galicien ausweichen – am Ende der westlichen Welt angekommen, auf die Fragen stoßen, wie sie sich zuhause denn stellen, in Epirus im Norden Griechenlands auf Tropfen der Tränen der Kriege und vergangener Vertreibungen und heutiger treffen, antiken Melodien erliegen. Europa finden, nicht suchen – wie in der Liebe. Literatur, Bücher und Menschen finden, lauschen und glauben, das Hoffen wagen. Wieder weiterziehen. Mit der Literatur als Kompass. Der Magnet ist die Seele. Denn: Jeder Mensch hat eine Seele und darin fliegt eine Schwalbe. Ihr Flügelschlag fächert das Echo der Geschichte herüber und lässt wehende Fahnen erschlaffen…“

Fokus in unserem Gespräch ist Peter Handke. Für ihn, sagt Lojze Wieser, sei Handke der größte Worterneuerer des letzten Jahrhunderts, der größte Öffner einer Geisteswelt, die die Hoffnung verbreitet, dass es einen anderen Umgang hin zu einer anderen Zukunft des Menschen braucht. Seine gesamte Literatur von den „Hornissen“ bis herauf zur „Obstdiebin“ und den vielen Fragen, die er im Zusammenhang mit Jugoslawien gestellt habe, seien ein Suchen nach neuen Begriffen, ein Hinterfragen, das Wegkratzen von traditionellen, eingetretenen Behaltungen, denen er von vornherein, wenn sie nur so daherkommen, skeptisch gegenüberstehe. Im Zentrum stehe die Sprache. Lojze Wieser hat in seinem Verlag in Klagenfurt / Celovec zahlreiche Texte von Handke publiziert, besonders interessant ist auch eine DVD: „Die Sprachenauseinanderdriftung: Peter Handke und Lojze Wieser im Gespräch mit Frederik Baker“, Buch und DVD, Reihe gehört gelesen, 2010.   

Lojze Wieser, in der Mail vom 25. Dezember 2019

 „Die Tage fließen, Gedanken kommen, der Fluß des Lebens trägt, von Schollen bis zu Fischen und fragt nicht, wem von ihnen Gerechtigkeit wiederfahren ist. / Der Blick des Fragens, der des Sagens, der, der uns noch Mensch sein lässt, ist jener, der aus seiner Seele keine Mördergrube macht. / Der Mensch hat für sich die Schrift, er hat die Sprache, die ihm sein Tun erkennen lässt, die er verwendet, um zu Hinterfragen -  nicht um nachzusagen, was andre vorgekaut und für ihn ausgespiehen haben. / Das Individuum, die Persönlichkeit, der aufrechte Gang, sind jene Formen, die der Achtung und die der Würde Raum sein lassen - man muss es nur tun. / Feiert die Tage, erneuert das Jahr, besinnlich oder besinnungslos und haltet Euch und die Hoffnung hoch!“ 

Anmeldungen: Hotel Gasthof Krone, Am Platz 185, Hittisau, gasthof@krone-hittisau.atwww.krone-hittisau.at Tel. 05513/6201 - Jede Veranstaltung ist auch einzeln buchbar.

Rolf Steiner ist mit Dietmar Nussbaumer, dem Wirt des Gasthofs Krone in Hittisau, für das Programm der Handke Tage zuständig (Foto: Wieser Verlag)

Rolf Steiner ist mit Dietmar Nussbaumer, dem Wirt des Gasthofs Krone in Hittisau, für das Programm der Handke Tage zuständig (Foto: Wieser Verlag)

Peter Handke (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba)

Peter Handke (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba)

Peter Handke und Lojze Wieser (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba)

Peter Handke und Lojze Wieser (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba)

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  • Rolf Steiner ist mit Dietmar Nussbaumer, dem Wirt des Gasthofs Krone in Hittisau, für das Programm der Handke Tage zuständig (Foto: Wieser Verlag) Rolf Steiner ist mit Dietmar Nussbaumer, dem Wirt des Gasthofs Krone in Hittisau, für das Programm der Handke Tage zuständig (Foto: Wieser Verlag)
  • Peter Handke (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba) Peter Handke (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba)
  • Peter Handke und Lojze Wieser (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba) Peter Handke und Lojze Wieser (Foto: Wieser Verlag/Mayü Belba)