Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

24.10.2018 |  Annette Raschner

„Und essen werden wir die Katze“ von Nadine Kegele - Ein Buch „mit ganz viel Welt“

„Das Leben ist eine Gratwanderung zwischen Wut und Witz“, meint Nadine Kegele. Beide Pole nutzt die aus Vorarlberg stammende, in Wien lebende Schriftstellerin äußerst produktiv für außergewöhnliche Literaturprojekte. So ist nach dem Erzählband „Annalieder“ und dem Roman „Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“ im vergangenen Jahr mit „Lieben muss man unfrisiert“ eine ungewöhnliche Portraitsammlung der Publikumspreisträgerin der Klagenfurter Literaturtage von 2013 erschienen; neunzehn Frauen und Transgender-Personen zwischen 16 und 92 Jahren erzählen darin ungeschönt aus ihrem Leben. Nun hat der Verlag Kremayr & Scheriau das Buch „Und essen werden wir die Katze“ publiziert; Erzählungen ergänzt durch Stickereien, Illustrationen und Collagen zu den Themen Heimat und Heimatlosigkeit.

Der Dank am Ende gilt „allen Interviewten, denen ich wünsche, dass sie in Österreich eine neue Heimat finden können und diese Heimat sie gut behandelt“. Nadine Kegele, 1980 in Bludenz geboren, ist eine engagierte Autorin, die mit ihren Büchern so viele Menschen wie möglich erreichen möchte, um jenem Ziel näher zu kommen, das sie einmal lakonisch so zusammengefasst hat: „Die Torte muss gerecht aufgeteilt werden!“ Die Theodor-Körner-Preisträgerin von 2016 hat selbst in der Vergangenheit einige Stolpersteine beiseite räumen müssen. Nach einer abgeschlossenen Lehre zur Bürokauffrau erfolgte die „Flucht nach Wien“. Mediaeinkäuferin, Finanzassistentin und Sekretärin waren drei Stationen, bevor sie – auf dem zweiten Bildungsweg – Germanistik, Theaterwissenschaft und Gender Studies studieren konnte. Heute arbeitet Nadine Kegele als freie Schriftstellerin, sie publiziert unter anderem in der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ und leitet seit zwei Jahren ein Basisbildungstraining für Erwachsene an der Volkshochschule Wien. 

Annette Raschner: Im dritten Kapitel, das den Titel „Syrien ist heimlich in Polen verliebt“ trägt, erzählt eine Lehrerin, die geflüchtete Menschen aus aller Welt in Deutsch unterrichtet, von ihrem spannenden, bereichernden Alltag. Diese Lehrerin mag die Menschen, die sie lehrt, man spürt ihre Zuneigung und ihr Engagement. Ich nehme an, diese Lehrerin sind Sie?!
Nadine Kegele: Sagen wir so: Jein. Basis dafür war jedenfalls ein vierwöchiger Sommerdeutschkurs, den ich im Sommer 2016 für Kinder abgehalten habe. Im Zuge dessen habe ich reichlich Notizen gemacht, weil es so viele kreative Wortmeldungen gegeben hat. Eine Kurzversion des Textes ist vor einiger Zeit in Edgar Leissings Kunstmagazin erschienen. Alles, was ich noch multipliziert haben wollte an schönen, berührenden und auch traurigen Situationen, ist nun in das Buch eingeflossen.

Unterschiedliche Perspektiven

Die SchülerInnen tragen die Namen ihrer Herkunftsländer – Syrien, Ukraine, Kurdistan, Türkei, Polen, Armenien, Afghanistan und Ägypten. Manchmal gibt es Streitereien, doch häufiger wird gemeinsam gelacht, was auch mit der Lehrerin zu tun hat, die in ihnen nicht ihre Schwächen, sondern ihre Fähigkeiten und Besonderheiten zu sehen imstande ist. „Ukraine kann kaum ein Wort Deutsch, weshalb Syrien und Irak Ukraine manchmal hänseln, doch zwei Augenfarben hat niemand außer Ukraine und David Bowie. Und seit Bowie nicht mehr da ist, nur mehr Ukraine.“

Raschner: Jedes Kapitel ist formal gänzlich anders gestaltet. Da gibt es zu Beginn etwa eine Art Dialog mit Kapitelüberschriften, später zwei Parallelberichte in Ich-Form, einmal aus der Perspektive einer seit ihrem 16. Lebensjahr unglücklich verheirateten, afghanischen Frau, einmal von einem traurigen Single-Mann aus Afghanistan. Welches der neun Kapitel hat gewissermaßen den Startschuss für das Buch gesetzt? 
Kegele: Die erste Erzählung war „Flügel, die mir wuchsen, weil ich fiel“ – ein Auftragswerk, bei dem ich gerade Stadtschreiberin in Klagenfurt war. Ich habe dafür das Werk von Ingeborg Bachmann intertextuell eingeflochten und auch eigene Positionen anhand einer Figur, einer Eule eingearbeitet. Ein schwieriger Text, den ich allerdings sehr mag und von dem ich sofort wusste, dass er in das Projekt Eingang finden muss.

Sprachrohr für Menschen verschiedener Herkunft

Es zeichnet Nadine Kegele aus, dass sie in ihren Büchern vorzugsweise benachteiligte Menschen zu Wort kommen lässt, die scheinbar frisch von der Leber weg erzählen. Das braucht zum einen eine große Aufmerksamkeit beim Zuhören, zum anderen aber auch eine Autorin, die die vielen Nuancen der Sprache und ihre Macht als hochpolitisches Instrument kennt. „Ein Schwimmbecken, sagt Syrien, das ist mein Traum. Meiner auch, sage ich und überlege, was Arschbombe wohl auf Arabisch heißt. Bombe vielleicht nicht, nicht mehr vielleicht, vielleicht aber auch noch nie.“

Raschner: Nadine Kegele, in Ihren letzten beiden Büchern ziehen Sie sich weitestgehend zurück und versuchen so etwas, wie ein Sprachrohr verschiedener Menschen unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft zu sein. Das setzt die Verwendung einer gewissen Sprache voraus, die authentisch sein muss, und es setzt eine gewisse Bescheidenheit voraus? Wie leicht fällt Ihnen beides? 
Kegele: Ich mag das Geschichten hören von anderen Menschen, das berührt mich. Ich bin auch im Zuge von „Lieben muss man unfrisiert“ draufgekommen, dass ich das ganz gut kann, ansonsten hätten mir die Personen wohl nicht so Tiefgründiges erzählt. Ich habe diesmal aber auch fiktive Erzählungen geschrieben, bei denen ich allerdings Einiges aus dem „realen Leben“ genommen habe. Also da ist schon ganz viel Welt drinnen in diesen Texten!

Positive Beispiele

Im zweiten Kapitel, „Kopfweh aus Kuwait“, lässt Nadine Kegele in einer Art Dialog einen Flüchtling aus Kuwait zu Wort kommen, der den Bidun angehört, die in der arabischen Welt weder Militärdienst leisten noch Eigentum erwerben noch zur Schule gehen dürfen. Dieser Mann hat in Österreich als erstes eine Zahnarztpraxis aufgesucht, in der ihm drei Zähne gerissen wurden. „Eine Stunde für einen Zahn. Davor hatte ich zwanzig Jahre lang diesen Schmerz. Zwanzig Jahre Kopfweh.“ Seit einem Jahr und zehn Monaten lebt er in Österreich, darf erstmals eine Schule besuchen und arbeitet ehrenamtlich in einem Tagesheim – um dem Staat etwas zurückgeben zu können, wie er sagt. „Das ist mein Geschenk für Österreich.“

Raschner: Beinhalten die aktuellen Nachrichten, die im Zusammenhang mit geflüchteten Menschen lanciert werden, Ihrer Meinung nach zu wenig Positives? Ist das mit ein Grund, weshalb Sie dieses Buch schreiben wollten? 
Kegele: Ich finde schon, dass die tagespolitische Berichterstattung und auch die Wortmeldungen der Regierung vorwiegend auf Manko, Schuld und Generalverurteilung hinarbeiten. In meinem Alltag aber habe ich ein ganz anderes Bild erhalten. Meine Meinung ist also die, dass sehr wohl auch positive Geschichten erzählt werden müssen, und ich glaube, dass es da in meinem Buch auch einige Beispiele gibt.

Nicht nur Text

Nadine Kegeles neues Buch „Und essen werden wir die Katze“ ist auch optisch äußerst ansprechend, und es offenbart die große Liebe der Künstlerin am Suchen, Finden und Erfinden. Für die originellen, frechen und humorvollen Collagen hat die Künstlerin unter anderem Flohmarktfotos, Buchstaben-Setzkästen, Nadeln, Nähgarn, Papiere und sogar eigene Haare verwendet! „Die ersten weißen“, wie sie lachend betont.

Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Nadine Kegele, Und essen werden wir die Katze, Kremayr & Scheriau 2018, ISBN 978-3-218-01123-5, 208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, € 22,90

Doppellesung
Nadine Kegele und Verena Roßbacher lesen aus ihren aktuellen Romanen
31.10., 20.15 Uhr
Theater am Saumarkt, Feldkirch

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Kegele Cover.jpg