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31.10.2018 |  Ingrid Bertel

Auf der Flucht - „All die Nacht über uns“ von Gerhard Jäger

Mit seinem zweiten Roman „All die Nacht über uns“ hat es Gerhard Jäger auf die Shortlist für den österreichischen Buchpreis geschafft. Der in Dornbirn geborene Jäger war Redakteur der Tiroler Tageszeitung, erhielt 1996 den Literaturpreis des Landes Vorarlberg für einen bislang unveröffentlichten Roman, sein Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ wurde 2016 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Nun katapultiert ihn sein zweiter Roman in die erste Reihe österreichischer AutorInnen. „All die Nacht über uns“ ist ein leises, bedächtiges Buch, eine klare Stimme in der aufgeheizten Debatte um das Thema Flucht und Migration.

Eine Nacht lang sitzt ein namenloser Soldat auf einem Wachturm an der Grenze. Er soll, Gewehr im Anschlag, darauf achten, dass der Grenzzaun nicht von Flüchtenden durchgeschnitten wird. Er ist gerne allein, es dämpft seinen inneren Furor, so wie sonst nur das ziellose Gehen ihn dämpfen kann und ihm bisweilen einen Büchner’schen Glücksmoment schenkt: „ … er hatte sogar den seltsamen Gedanken, dass er zum ersten Mal seit Langem wieder mit dabei war, wenn sein Körper spazieren ging.“ 

Hinterpommern, April 1945

Er ist vor sich selbst auf der Flucht, das ist dem Soldaten klar, aber er grübelt nachts auf seinem Wachturm nicht nur über die eigene Verstörtheit, sondern auch über die seiner Großmutter. Als er ein Kind war, hat sie im Mondlicht dagesessen und Briefe geschrieben an „Menschen, die es nicht mehr gibt“. Und jetzt, bevor er zu seiner Nachtwache aufbrach, hat sie ihm ein Heft gegeben. „Es soll dich erinnern, wenn sie kommen.“
Diese Großmutter aus Hinterpommern war mit vierzehn Jahren, im März 1945, auf der Flucht vor den russischen Truppen. Ihre furchtbaren Erlebnisse hat sie diesem Heft anvertraut – vom Erschießen der Fohlen auf dem väterlichen Gutshof über die Nächte auf den von Kot verdreckten Wiesen, die Angst vor den tief fliegenden Bombern bis zu einem Moment, als die tödlich erschöpften Flüchtenden ein verlassenes Haus betreten, ein Dach über dem Kopf zu haben glauben, für eine Nacht wenigstens – und aus diesem Haus fliehen, denn: „Auf einem Fensterbrett lag, notdürftig eingewickelt, ein neugeborenes totes Kind …“ 
Der Soldat auf seinem Wachturm sieht „das vierzehnjährige Mädchen, das seine Großmutter ist, mit ihrer Schwester dastehen, stumm auf dieses kleine tote Wesen blickend, dem die Welt nicht einmal einen Blick gestattet hat … “ Und dabei denkt er an den Grund seiner inneren Fluchtbewegung, seinen eigenen kleinen Sohn, mit dem er in den Mond geschaut hat. „Ta“, deutete das Kind, und er wiederholte: „Ta“. „Ein paar Wochen später ging die Welt unter.“

Der Bäcker

Die Flucht-Erzählungen der Großmutter haben einen dokumentarischen Kern. Sie basieren auf den Berichten der Malerin Dietlinde Bonnlander. Jäger verknüpft sie in zahllosen Details mit den traumatischen Erfahrungen seines Soldaten und mit der Situation an den österreichischen Grenzen im Jahr 2015. Eine Politikerin, die an Johanna Mikl-Leitner erinnert, redet davon, „dass man notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen sollte“ – und einmal wird in eine Menschenmenge geschossen. Die Soldaten werden zur Wacht auf mobilen Metalltürmen verpflichtet. Jägers Held aber hält sich wenig an Vorschriften. Er bleibt nicht sitzen, sondern schweift durch den nächtlichen Wald, verirrt sich, während ein Gewitter aufzieht. Dann „zerreißt ein Blitz die Nacht, schlägt eine Schneise von Licht in die Schwärze, und er sieht Wald und Wiese und Bäume und den Schatten, der nur wenige Meter vor ihm steht, erschrocken in der Bewegung erstarrt ist. Er sieht ein Gesicht, Haare, Bart, aufgerissene Augen, genau auf ihn gerichtet, und dann ist das Licht weg … “ 
Vielleicht ist dieser Mann ein Bäcker, überlegt der Soldat, und unterlässt die vorschriftsmäßige Meldung. „Was soll er sagen? Er hat einen Bäcker gesehen auf der anderen Seite des Zaunes, ein freundlicher Mann, der mit viel Gefühl in seiner Heimat Teig geknetet hat.“

Stammtisch und Scham

Jäger erzählt aus der Perspektive eines Ahnungslosen, politisch vollkommen Desinteressierten. Er erzählt von der allmählichen Auflösung einer Haltung, die aus gehässigem Gewisper entstand, aus Stammtischnebel und Verdächtigungen, und die sich gegen jene Menschen richtet, die im leer stehenden Hotel „Windrad“ einquartiert wurden. Eigentlich wäre der Soldat gerne zu ihrer Begrüßung gegangen. Aber anders als die Großmutter tut er es nicht. Eigentlich würde er den beiden Männern, die ihm auf einem seiner Spaziergänge begegnen, gerne eine Zigarette anbieten. Aber er geht wortlos an ihnen vorbei. Stattdessen beteiligt er sich an einer Demonstration vor dem Hotel „Windrad“ und wirft eine brennende Fackel in eines der Fenster. 
Als er nach Hause kommt, sitzt die Großmutter auf der Treppe und sieht ihn aus tödlich erschrockenen Augen an. „Er weiß nicht, ob er sich jemals in seinem Leben so geschämt hat wie in diesem Moment, als ihn seine Großmutter an der Tür erwartete, ihn, mit blutender Nase, ihn, mit nasser Kleidung aus dem Aufruhr dieser Nacht kommend.“ Er nimmt sich vor, mit der Großmutter zu reden, „ … über ihre Flucht, über seine Flucht, und bei diesem Gedanken bleibt er hängen: ihre Flucht, seine Flucht, vielleicht sind wir alle auf der Flucht, Flüchtende wir alle, alle flüchtig.“ 
Die bedächtige Weise, in der Jäger seine drei Fluchtgeschichten ineinander spiegelt, ermöglicht es uns LeserInnen, nachzuvollziehen, wie schwer es wohl jedem und jeder von uns fällt, eine bewusste Haltung einzunehmen, aus einer Erkenntnis heraus das eigene Handeln zu verändern. Dass es bei der einmal gewonnenen Erkenntnis bleibt, ist auch nicht gewiss. 
Als es Morgen wird, steigt der Soldat von seinem Wachtturm und denkt: „Wie sinnlos ist ein Gewehr, das nur Menschen töten kann, wo die Ziele doch ganz andere sein müssten: Gerüchte, Hass, flüsternde Stimmen, die alles vergiften, das wären lohnenswerte Ziele, redet man nicht schon lange von intelligenten Waffen?“ Und dann steht ein Flüchtling vor ihm, ein Kleinkind im Arm. Der Soldat ist noch im Dienst, die Ablöse kommt erst in ein paar Minuten. 

Ingrid Bertel ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Gerhard Jäger, All die Nacht über uns, Picus Verlag, Wien 2018, ISBN: 978-3-7117-2064-1, 240 Seiten, gebunden, € 22

 

 

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