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08.10.2019 |  Annette Raschner

„Eigentlich bin ich kein Schimpfer und Flucher!“ - Wolfgang Berchtold präsentiert Vorarlbergs erstes Schimpfwörterbuch

Es gibt bekanntlich Menschen, die Witze erzählen, die man ihnen nie zugetraut hätte. So oder so ähnlich verhält es sich bei der Wahl der Schimpfwörter und Flüche. Sie, die mit starken Emotionen verknüpft sind, erzählen viel über denjenigen, der sie benutzt. Der pensionierte AHS-Lehrer und frühere Vizebürgermeister von Götzis, Wolfgang Berchtold, hat sich in die Kultur oder auch die Unkultur des Schimpfens, Fluchens und Spottens in Vorarlberg gestürzt und sich dabei Gedanken darüber gemacht, wie viele solche Ausdrücke es in unserer Region gibt, woher sie kommen und was sie bedeuten. Das Ergebnis ist ein schön aufbereitetes, populärwissenschaftliches Nachschlagewerk mit originellen Karikaturen von Silvio Raos. „Das Vorarlberger Schimpfwörterbuch“ ist in der Edition V erschienen.

„Es war eine spannende Reise in ein sehr emotionales Segment unserer Mundart und Umgangssprache“, sagt Wolfgang Berchtold. Über zwei Jahre hat er verschiedenste Vorarlberger Mundartsammlungen durchstöbert und Interviews geführt. Dabei ist er auf eine breite und vielfältige Schimpfkultur gestoßen. Das Buch versammelt immerhin über 2.000 Schimpfwörter und rund 500 Flüche und Spottwörter. Der gespannte Bogen ist weit: Von längst vergessenen Schimpf-, Fluch- und Spottwörtern über die gängigsten Dauerbrenner bis hin zu völlig neuen Wörtern aus der Jugendsprache.

Dürftige Quellenlage

Die Quellenlage hat sich als dürftig herausgestellt. „Ich musste mich durch die Vorarlberger Wörterbücher durcharbeiten. Ich habe rund sechzigtausend Begriffe auf der Suche nach Schimpfwörtern durchschaut. Die meisten würden mich wohl für verrückt erklären.“ Doch Wolfgang Berchtold ist weniger verrückt als vielmehr leidenschaftlich. Er liebt es, sich mit Akribie in einem Thema zu vertiefen. Vor zehn Jahren gaben er und Ulrich Gabriel ein „Götzis Lesebuch“ heraus; vor drei Jahren erschien „ummakummaummi“, in dem sich Berchtold der Mundart und Mundartliteratur von Altach, Götzis, Koblach und Mäder angenommen hatte. „Ich bin kein pedantischer, eher ein unverkrampfter Mundartbewahrer. Denn eines ist schon klar: Die Vorarlberger Mundart ist noch etwas von jenen wenigen Dingen, die uns eine Identität geben. In einer globalisierten Massenkonsumgesellschaft werden wir uns immer ähnlicher. Ob das nun die Mode, die Kulinarik oder unseren Musikgeschmack betrifft. Die Mundart unterscheidet uns noch ein wenig voneinander. Und diese Unterscheidbarkeit ist eine Qualität, die wir bewahren sollten.“
Der aus Götzis stammende Wolfgang Berchtold hat Germanistik studiert und einst eine Hausarbeit über Mundart geschrieben. „Vor rund zwanzig Jahren hat es mich wieder begonnen, stärker zu interessieren“, erklärt er. Vorarlberg sei schließlich eines der buntesten Dialektgebiete im deutschen Sprachraum gewesen. „Das betrifft nicht nur die fünf Hauptgebiete Rheintal, Bregenzerwald, Walsertal, Südvorarlberg und Allgäu. Teilweise hatten Orte Mundartfärbungen und -wörter mit Bedeutungen, die nur in diesen Orten bekannt waren. Das ist verloren gegangen, andererseits haben sich manche Schimpfwörter durchgesetzt und werden nun überall in Vorarlberg verwendet. Aber die Tendenz ist klar: Es gibt immer mehr eine Einheitsmundart in Vorarlberg. Auf der anderen Seite ist die Mundart in aller Munde! Noch nie in der Sprachgeschichte unseres Landes hat eine junge Generation in Mundart geschrieben. Das begrüße ich sehr!“

Wie schimpfen Vorarlberger Jugendliche?

Der Jugend hat Wolfgang Berchtold im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet: „So schimpfen Vorarlberger Jugendliche“. Zusatz: „Nicht erwachsenenfrei!“ Dafür hat er 180 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren befragt und 280 Schimpfwörter erfasst. „Die Jugendlichen verwenden vielfach neue Schimpf- und Fluchwörter, die von Erwachsenen nicht gesprochen werden. Eine große Rolle spielen die neuen Medien und Musikrichtungen wie der Rap. Es ist zu beobachten, dass sich die junge Generation beim Schimpfen von der Mundart entfernt. Mundartschimpfwörter sind eher selten.“
Generell sei es sehr interessant, aus welchen Töpfen gefischt werde, um Schimpfwörter zu rekrutieren. „Es werden immer noch Tabus gebrochen. Früher war die Religion das Tabu. Heute stellen primär Sexualität und Minderheiten Tabus dar. Das weitest verbreitete Jugendschimpfwort ist übrigens Spasst. Und das, obwohl man mit behinderten Menschen heute so gut umgeht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Eine Umfrage belegt allerdings, dass 70 Prozent der Jugendlichen gar nicht wissen, was Spasst bedeutet.“

Struktur des Wörterbuchs

Bei der Struktur hat sich Wolfgang Berchtold für eine alphabetische Auflistung entschieden. Ein Lesezeichen als Lesebegleiter führt die wichtigsten Abkürzungen an. Das umfangreichste Kapitel heißt „So schimpft Vorarlberg“, es folgen „So flucht Vorarlberg“ und „So spottet Vorarlberg“. „Schimpfen und spotten sind am schwersten auseinanderzuhalten. Fluchen hat mit Dampf ablassen zu tun. Schimpfen und Spotten richten sich dezidiert an eine andere Person.“ Beim Spotten gibt es drei Unterkapitel: über einzelne Berufe, über Gemeinden und Städte sowie über Nachbarländer, Fremde, Zugewanderte und Andersdenkende. „Ob Juden, Italiener oder Protestanten. Hier zeigt sich, dass Minderheiten und Zuwanderergruppen immer im Visier des Spotts waren und stets einen schweren Stand hatten. Allerdings ist das kein vorarlbergspezifisches Phänomen.“
Und an wen richtet sich das Nachschlagewerk vornehmlich? Das ist ebenfalls im Buch nachzulesen (inklusive Augenzwinkern): „An alle Schnorrawaggli, Schoofsäckel, Hälgiiger und Hallodri, Bodasurri, Tüpflischiißer und Pappsäckl, Arschkrüücher und Rotznasle, Füdlaschlüüfer, Großkopfate und Hohlköpf.“

Annette Raschner ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Wolfgang Berchtold, Das Vorarlberger Schimpfwörterbuch, mit Karikaturen von Silvio Raos, Edition V, Dornbirn 2019, Hardcover, 220 Seiten, ISBN 978-3-903240-10-0, € 28

Buchpräsentation: 11.10., 20 Uhr, ORF-Landesfunkhaus Dornbirn

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