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29.09.2019 |  Ingrid Bertel

Märchen, Mythen, Westernhelden - Michael Köhlmeier präsentiert zum 70er viel Neues

Zu seinem 70. Geburtstag zieht Michael Köhlmeier Bilanz. Seine neuen Bücher und CD-Editionen sind Spiegel einer lebenslangen Leidenschaft. Das Lächeln von Keith Richards fasziniere ihn, hat Michael Köhlmeier einmal erzählt, dieses zutiefst entspannte Lächeln eines Überlebenden. Möglicherweise faszinieren ihn darüber hinaus all die Riffs und Licks, die Richards in den Tiefen der Blues-Tradition gefunden hat, diese skelettierten, ungeheuer einprägsamen Gitarren-Vignetten. Und vielleicht inspiriert ihn auch der Piratenlook – die kajal-umrahmten Augen, die Rabennest-Frisur, die Totenkopf-Ringe. „It’s Only Rock ‘n‘ Roll, But I Like It“, dieses Spiel mit den Bildern, die unsere Kindheit so aufregend machten. Ziemlich sicher steckt eine gehörige Portion Keith Richards in Michael Köhlmeier. Das hat mit seinem Witz und Pragmatismus zu tun. Köhlmeier lässt sich jedenfalls so wenig zur Biederkeit verdammen wie der alte Rolling Stone. Davor bewahren ihn Telecaster und Stratocaster und eine unendliche Hingabe an das, was ihm gegeben ist, die Lust am Erzählen.

„Der werfe den ersten Stein“

Gemeinsam mit Konrad Paul Liessmann untersucht er seit 1997 beim Philosophicum in Lech die ganz großen Fragen. Dabei herrscht klare Aufgabenteilung: Köhlmeier erzählt aus der antiken Mythologie und der Bibel, aus den Stücken Shakespeares und den Märchensammlungen der Brüder Grimm – und Konrad Paul Liessmann zergliedert die Erzählungen in eine philosophische Argumentation. Ein Produkt dieser Zusammenarbeit war 2016 die Buch- und CD-Edition „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?“, ein durchschlagender Publikumserfolg. Ebenso biblisch, zumindest im Titel, ist der Nachfolger: „Der werfe den ersten Stein“.
„Mythologisch-philosophische Verdammungen“ präsentieren da der Erzähler und der Philosoph, untersuchen Verrat, Niedertracht, Betrug, Schuld – das ganze Arsenal menschlicher Abscheulichkeiten. Bei der Verurteilung von Intriganten und Lügnern sind wir uns ja schnell einig, und die Weltliteratur erzählt davon, wie die Schurken verurteilt werden. Blöd nur, dass jede und jeder von uns lügt und intrigiert, Gemeinheiten hinter dem Rücken anderer verbreitet und sich auch sonst in jeder Hinsicht schuldig macht. Wir sitzen eben alle im Glashaus.

Schuld

Eine seiner schönsten Erzählungen widmet Michael Köhlmeier der Begegnung von Jesus und der Ehebrecherin im Johannes-Evangelium. Dabei richtet er den Fokus nicht auf die berühmte Sentenz „Wer unter euch ohne Sünden ist, der werfe den ersten Stein“. Sein Blick gilt einem Detail: Bevor Jesus, den die Pharisäer in eine Falle locken wollen, diesen Satz spricht, schreibt er etwas in den Sand. Was ist es? Warum können es die Schriftgelehrten nicht lesen? Und warum wird das, was da in den Sand geschrieben und von einem Atemzug verweht wird, zu dem, was wir heute Gewissen nennen?
Wer kennt die meisterlich zart hingetupfte Stelle im Evangelium nicht, das in Stein gemeißelte Gesetz und die in den Sand gekritzelte Frage? Aber wer liest sie genau wie Köhlmeier? Wer stellt die entscheidende Frage so, dass wir sie als brennend aktuell für uns selbst erleben? Und dann bekommt Köhlmeiers über die Bibelstelle gebeugter Pastor noch ein unerwartetes Geschenk: Seine ehebrecherische Beziehung zur Gattin eines Arztes darf er ruhig weiterführen. Beide tun damit ja niemandem weh, können also ein ganz ruhiges Gewissen haben. Diese Frechheit ist zwar nicht im Sinne der Kirchen, aber Witz, wie gesagt, und ein eigensinniger Kopf, das macht Michael Köhlmeier eben aus. Ebenso wie seine leise, jedes Wort gestaltende Erzählerstimme.

Die Stimme

Als unsere Kinder klein waren, klang aus ihren Zimmern unaufhörlich diese Stimme. Die CDs stapelten sich in den Regalen. Michael Köhlmeier erzählte die klassischen Sagen des Altertums, und in den knappen, unserem Alltag abgelauschten Dialogen, die er dafür fand, entstanden unglaublich lebendige Menschen. Wenn ich ihn aber traf, war ich ganz verwundert, dass es zu dieser Stimme auch einen Menschen gab. Einen, der mir seine Gitarren zeigte. Einen, der von der ungeliebten Gartenarbeit erzählte. Und von seinem neuen Buch.

Die Märchen

Den Märchen gehöre seine lebenslange Liebe, hat er immer wieder betont. Er erzählte sie im Fernsehen, er widmete ihnen CD-Editionen und einen Essay. Jetzt erscheint bei Hanser sein eigenes, 800 Seiten starkes Märchenbuch, keine Nacherzählungen mehr, eigene Geschichten – von der traurigen Frau und dem neidischen Arzt, von Schneeblume und Kasgsichtl, von Sebastian Inwendig und der Horde der bewaffneten Ungeborenen, alle zauberhaft illustriert von Nikolaus Heidelbach.
Worin liegt die unheimliche Anziehungskraft der Märchen? Michael Köhlmeier dachte darüber nach in seinem Essay „Von den Märchen“ (Haymon). Im Kern des Märchens liege ein Rätsel, sagt er, „das muss bewahrt werden“, weil es uns daran hindert, „ein Märchen zu gebrauchen.“ Denn: „In Wirklichkeit gemahnt uns das Märchen, dass wir mit Kunst eigentlich falsch umgehen. Dass Kunst immer die Bewahrerin des Feuers ist, das im Zentrum ist, und das Feuer ist rätselhaft. Wir schauen Feuer an, es brennt und brennt, es ist nichts Neues und wir können den Blick dennoch nicht lösen.“
Daran glaubt er. So sehr, dass er Märchen auch in seinem letzten Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ erzählte. Zum Beispiel das Märchen von Schneeblume. „So fühle ich mich“, sagt da Robert Lenobel, der Mann in der Midlife-Krise. „Ich fühle mich wie Schneeblume. Genauso wie Schneeblume fühle ich mich. Das meiste ist aus mir herausgeschnitten worden.“ Als Iris Radisch das Buch für „Die Zeit“ rezensierte, hob sie dessen Ehrlichkeit hervor. Köhlmeier sage „die Wahrheit: Die Suche nach dem Selbst läuft ins Leere.“ Das Lapidare, Schematische, allem Psychologisieren Abholde der Märchen mag zu dieser Wahrheit beitragen, aber das ist alles eher als selbstverständlich. Wie kann ein Autor heute dem Märchen eine Sprache geben? Köhlmeier beherrscht diese diffizile Kunst. Vielleicht, weil er so gut zuhören kann. Vielleicht, weil er den Mut hat, unprätenziös und unpädagogisch zu sein und auf der Suche nach dem Wesen des Schöpferischen, der Kunst.

Fantasy ist missverstandenes Märchen

„Im Märchen gibt es nichts Fremdes, alles bin ich“, äußerte Köhlmeier gegenüber dem „Standard“. „Der Drache, der mich bedroht, könnte meine eigene Hand sein. Deshalb fürchte ich ihn auf eine ganz eigene Weise, und wenn ich ihn töte und dabei noch so grausam vorgehe, habe ich niemandem außer mir selbst Rechenschaft abzulegen. Ich glaube nicht, dass die Monster bei Harry Potter einen vergleichbaren Charakter haben. Fantasy ist missverstandenes Märchen.“
Ein noch gröberes Missverständnis produzieren all die Pädagogen und esoterischen Ratgeber, die sich so gerne der Märchen bedienen. Köhlmeier kann da ziemlich wütend werden: „Sie dröhnen einem die Ohren voll, was man alles aus Märchen lernen kann – als wären diese Geschichten Automaten, in die man oben die eigene Dummheit hineinsteckt, und unten kommt ein Apostel heraus.“
Keine Erklärungen, keine Handlungsanweisungen, nichts als Rätsel und Staunen, das macht das Märchen aus. Und das unterscheidet es vom Kitsch. Es gibt ein wirklich abstoßendes Kinderbuch mit dem Titel „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ Erzählt wird von einem Empathie-Wettlauf zwischen dem großen und dem kleinen Hasen. So wird ein Kind dazu angeleitet, mit pathetisch aufgeblasenen Liebesbeteuerungen den Erwachsenen zu überbieten. Das ist Kitsch. Kitsch will überwältigen. Und dabei zertrampelt diese Geschichte das, was das Wesen der Liebe ausmacht: Vertrauen.
Michael Köhlmeiers Märchen sind das klare Gegenprogramm. Nie wird belehrt und demonstriert, nichts ist pathetisch übersteigert, nichts ist „süß“ und „lieb“ und „herzig“. Alles ist echt. Das kann sehr grausam sein, so grausam wie Köhlmeiers Märchen von der Traurigen, die eigentlich eine Böse ist und mit ihrer Traurigkeit alle andern erpresst und zu Untaten verführt – um dann zu lachen, so ungeheuer zu lachen, dass es einen beim Lesen friert. „Ein Buch muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, hat Franz Kafka geschrieben – und der ist für Michael Köhlmeier „der größte Märchenerzähler überhaupt“.

Westernhelden

„Siehst du, Tuco“, sagt Clint Eastwood im Spaghetti-Western „The Good, the Bad and the Ugly”, „auf dieser Welt gibt es nur zwei Kategorien von Menschen. Die einen haben einen geladenen Revolver. Und die anderen buddeln.“ So ein Dialog kann Michael Köhlmeier auch noch nach 53 Jahren begeistern. Den Zigarillo zwischen den Zähnen, den Poncho über der Schulter gab Clint Eastwood einen Helden, der aufgeräumt hatte mit der hehren Moral, einen Opportunisten, der nur in ganz besonderen Situationen seinen Lieblings-Satz sagte: „Ich hasse Ungerechtigkeit!“ Immerhin. Danach handelte er, wenn auch nur bei besonderen Gelegenheiten.
Illusionsloses Understatement trifft in den Western von Sergio Leone auf Bibel-Zitate. „Du sollst nicht meinen Namen nennen“, sagt der böse Frank in „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu seiner Gang, bevor er einen wehrlosen Dreijährigen abknallt – ein gänzlich ins Böse gewendeter „lieber Gott“ im schwarzen, wehenden Ledermantel. Michael Köhlmeier muss als Jugendlicher beides staunend erlebt haben, welches Spannungsfeld sich aus solchem Zynismus und der großen biblischen Erzählung ergibt.
Es ist schon ein wunderbares Abenteuer, alle die bestimmenden Bilder eines Lebens zu lesen. Michael Köhlmeier legt die Quellen seiner Inspiration offen, er steht zu seinem kindlichen Staunen, er gesteht seine intellektuelle Suche und er erzählt davon, welche Abenteuer diese Suche beschert und welches Glück. Wir finden dieses Glück gespiegelt im Lächeln von Keith Richards, dem alten Piraten, und wir spüren seinen Herzschlag in den Geschichten von Michael Köhlmeier.

Ingrid Bertel ist Redakteurin des ORF Landesstudios Vorarlberg

Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammungen, Carl Hanser Verlag 2019, 224 Seiten, ISBN 978-3446264021, € 20,60; gleichnamige 5-teilige CD-Edition, Hörbuch Verlag 2019

Michael Köhlmeier, Die Märchen, illustriert von Nikolaus Heidelbach, Carl Hanser Verlag 2019, 800 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-446-26374-1, € 59,70 oder als Vorzugsausgabe mit Signaturen von Autor und Illustrator, ISBN 978-3-446-26465-6, € 205,60

Michael Köhlmeier und Hans Theessink, Westernhelden, CD erhältlich bei Ö1

Termine:
29.9., 19 Uhr: Vortrag und Gespräch mit Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, Theater Kosmos, Bregenz

12.10., 20 Uhr: Präsentation der Schallplatte „9 Songs“ (Hoanzl) von Michael Köhlmeier, mit Live-Konzert

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