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24.11.2018 |  Anita Grüneis

Babelsprech in Vaduz: Ein Gedicht öffnet mit wenigen Worten einen Raum

Wenn 77 Schreibende gleichzeitig aus ihren Werken lesen, dann könnte das eine babylonische Sprachenverwirrung geben. Nicht aber, wenn die Sprechenden in verschiedenen Ländern sind, an unterschiedlichen Orten lesen und dies noch dazu in mehreren Räumen. Dann lässt sich so ein Anlass auch „Eurovision Poetry Party“ nennen. Es war das große Finale von „Babelsprech“, einem internationalen Projekt, das 2013 als Initiative zur Förderung junger Lyrik entstand. Das Ziel war die Vernetzung deutschsprachiger Nachwuchsdichter und die Sichtbarmachung der zeitgenössischen Lyrik.   

Drei Tage lang hatten die Lyriker*innen für den Abschluss in Vaduz konferiert. Mit ihrer „Wander-Lesung“ im Kunstmuseum Liechtenstein wurde das internationale Projekt beendet. Nicht ganz, denn die dichten Netzwerke, die bei der gemeinsamen Arbeit entstanden sind, werden auch weiterhin zur Förderung der Lyrik über Grenzen hinweg tragfähig bleiben.

Ein echtes europäisches Projekt

Babelsprech.International war ein Projekt des Literarischen Colloquiums Berlin. Es wurde gefördert von der Kulturstiftung des Bundes (Deutschland), dem Bundeskanzleramt Österreich, Abteilung Kultur, ProHelvetia (Schweiz) und der Kulturstiftung Liechtenstein. Als besonderen Abschluss hatten die Kuratorinnen und Kuratoren Max Czollek, Deutschland, Robert Prosser, Österreich, Simone Lappert, Schweiz und Michelle Steinbeck, Schweiz ein künstlerisches Event auf die Beine gestellt. 

Lyrik kennt keine Grenzen

77 Lyriker*innen lasen zeitgleich ab 19 Uhr in 11 unterschiedlichen Orten in Europa aus ihren Werken. Die Veranstaltungen fanden in Vaduz, London, Rotterdam, Frankfurt am Main, Köln, Zürich, Luzern, Salzburg, Wien Ljubljana und Cernowitz statt. In Vaduz geschah dies im Kunstmuseum, inmitten der Ausstellung von Yuri Albert. Mit dabei waren: Manuel Beck, Rebecca Gisler, Anna Hetzer, David Hoffmann, Cornelia Hülmbauer, Lisa Jeschke, Luca Manuel Kieser, Eva Maria Leuenberger, Anna Ospelt, Greta Pichler, Venus Ryter, Patrick Savolainen, Carlo Spiller, Andreja Štepec, Christoph Szalay, Matthias Vieider, Charlotte Warsen & Die Astronauten: Patric Marino & Olli Kuster (Musik).

Eine theatralische Raum-Inszenierung

Einen besseren Background oder anders gesagt, ein geeigneteres Bühnenbild, hätten die lyrischen Worte der jungen Autor*innen gar nicht finden können. Da stand zum Beispiel Rebecca Gisler mit einer Endlos-Schleife an Papier inmitten eines Raums, an dessen Wänden ausschließlich bedruckte A4-Blätter mit dem Titeln der Werke der Staatlichen Kunstsammlung hingen. Und sie las: „Willkommen, noch einmal: Willkommen, mein gefrorenes Gras, meine weiße Wimper, mein Monsterherz, mein frisches Herz, mein Erdbeben“.  Einen Raum weiter rezitierte Andrea Štepec aus ihrer Edith-Piaf-Sammlung in slowenischer Muttersprache und das tönte wie ein gesungenes Jazzstück inmitten der Comic-Bilder von Yuri Albert. Manuel Beck las seinen Text im Eingangsraum vor. Er hing als A4 Blatt an der Wand, als sei es ein Bild des Künstlers. Darauf hieß es: „mensch, mundtot, schreib ich, leidet er beim ohrenarzt gurrend. 'haben werter herr einen ohrwurm aus dem gehsteig gepickt eigens in ohrgang schläufen lassen?': arzt. Dieses gottverdammte gurren, dieses gurren, diese taubenichts reizen weisswut, ohrfähigkeit, wenn er nur taub wär das alles nichts ein problem.“

Es hat zu tun mit dem Tasten

Carlo Spiller hatte seine Texte in A4 Blättern auf den Boden gelegt. Jeder konnte sich nehmen, was er wollte, lesen und wieder wegwerfen. Dabei hätten vielleicht so manche die Blätter mit nach Hause genommen. Darauf stand unter anderem zu lesen: „Es hat mit allem zu tun. Es hat zu tun mit der Luft. Zu tun mit dem Atem. Es hat zu tun mit dem Licht. Zu tun mit den Augen. Zu tun mit dem Schall. Es hat zu tun mit den Ohren. Der Haut. Es hat zu tun mit dem Tasten. Es hat zu tun mit Gehirn. Zu tun mit dem Denken. Dem Mark. Es hat zu tun mit Geschirr. Vinyl. Es hat zu tun mit dem Leben.“

Wenn Wörter zu Pfeilen werden

So unterschiedlich wie die Texte waren auch die Darstellungen durch ihre Autor*innen. Mal ganz nebenbei, mal dramatisch, mal melancholisch oder ganz nüchtern. Auf die Frage, was Lyrik denn nun überhaupt sei, antwortete Michelle Steinbeck: „Ich habe keine Ahnung von Lyrik. Ich bin komplette Lyrikhochstaplerin. Für mich ist Lyrik die freiste Form des Schreibens. (...) Ein gutes Gedicht öffnet mit wenigen Worten einen Raum und wirft die Imaginationsmaschine an. Es ist der Zündschlüssel für das Auto, in dem du in deiner bildhaften Gedankenwelt herumfahren kannst. Die einzelnen Wörter sind dabei Pfeile, Wegweiser, in alle erdenklichen Richtungen.“

Eine "Wander"-Lesung im Vaduzer Kunstmuseum

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Rebecca Gisler liest von der Endlosschleife

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