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27.11.2018 |  Ingrid Bertel

Alles in Bewegung - Neuerscheinung über das Klostertal

Verspielt und gleichzeitig wissenschaftlich fundiert, bunt und dabei ästhetisch anspruchsvoll, vor allem aber mit einem ganz neuen Blick auf das Klostertal – so präsentiert sich der Band „Im Tal der Alfenz“.

Tannen und Apfelbäumchen, bunte Häuser und Blumensträuße, eine Gams und ein Steinadler schmücken das Titelbild – kindlich anmutende Zeichnungen von Bianca Tschaikner, die das Buch illustriert hat. Auch beim Öffnen fällt der Blick als erstes auf ein Bild von ihr, eine Karte des Tals, die sich dreidimensional auffaltet. Er habe solche Pop-ups nicht zufällig vorgeschlagen, sagt Buchgestalter Kurt Dornig. Schließlich sei „Bewegung“ der rote Faden durch das Buch – die Verkehrsströme über den Arlberg, die das Tal seit jeher prägten, die Veränderungen der Sprache einer ursprünglich rätoromanischen Region, die Migration aus dem Tal weg über Jahrhunderte und ins Tal herein seit dem Bau der Arlbergbahn. „Bewegung“ ist auch das Motto des Projekts „Alpines Wasserreich“, das dem Tal eine neue Positionierung verschaffen soll. Was lag also näher, als den Fluss, die Alfenz in den Buchtitel zu heben? Bücher über die Geologie des Klostertals und seine Geschichte gibt es genug, auch zahlreiche Bildbände. Dieses Buch soll anders sein, soll vor allem gut lesbar sein – für die Menschen aus dem Tal und für seine BesucherInnen.
„Wir haben die AutorInnen gebeten, ihre wissenschaftlichen Wohlfühlzonen zu verlassen“, gesteht Dornig. Als Lektor achtete Peter Niedermair auf eine allgemein zugängliche Sprache. Er führte auch Gespräche mit 13 KlostertalerInnen aus den verschiedensten Berufen. Der Schriftsteller Max Lang destillierte aus diesen Gesprächen Kurzportraits, und Bianca Tschaikner begleitet jedes mit einer überaus treffenden Zeichnung, die hinter der scheinbaren Naivität ihr wundervolles Auge für Charaktere sichtbar werden lässt.

Portraits

Saskia und Jürgen Dünser wollen die traditionelle Landwirtschaft im Tal erhalten; Reinhold Konzett erzählt, wie er als Hüttenwirt mehrmals verschüttet wurde; der Elektriker und Kraftwerksmeister Kurt Pöttinger sagt: „Heute ist der Zusammenhalt unter den Leuten sehr gut. Da ich aus persönlicher Erfahrung weiß, wie schwierig es ist, woanders neu zu beginnen, wünsche ich mir für die jetzigen Immigranten nur das Beste.“ Und der Kfz-Mechaniker Herbert Margreiter weiß, warum der Zusammenhalt unter den Leuten gut ist, gehört er doch zu den Initiatoren der „Passionsspiele“, für die sich die Männer im Tal ellenlange Bärte und eine wallende Mähne wachsen lassen und für die ganze Familie wochenlang Theater spielen.

Ein Fluss, der zwei Erdzeitalter verbindet

Der Vegetations- und Landschaftsökologe Christian Kuehs widmet seinen Text den geologischen Besonderheiten und der teilweise ganz urtümlichen Flora und Fauna des Tals, unterstützt von Kennern der Materie wie dem Baugeologen Joschi Kaiser, der 1974 zum Tunnelbau ins Klostertal kam, dort die Frau seines Lebens kennenlernte und blieb.
„Hier erfolgt der Übergang zwischen den kristallinen Zentralalpen im Süden und Nördlichen Kalkalpen im Norden, hier verbindet ein Fluss zwei Erdzeitalter, die mehrere Millionen Jahre auseinander liegen“, heißt es im Text. Eine Reihe von Fotos macht das anschaulich, wobei die große farbliche Homogenität der Bilder auffällt, und das liegt nicht allein an einer sorgfältigen Bildbearbeitung, sondern auch an der geschickten Auswahl. Ein Cut-out trennt den Geologie-Teil von der Beschreibung der außergewöhnlichen Flora und Fauna des Tals – aus- und angeschnittene Zeichnungen des Flusses, der Laub- und darüber liegenden Nadelwälder, der Felsspitzen und des Himmels, über den ein Steinadler fliegt. Denn dieser seltene Vogel ist im Klostertal ebenso heimisch wie der Weißrückenspecht oder der Neuntöter.

Wie das Mariental zum Klostertal wurde

Der Historiker und Leiter des Klostertal-Museums Christof Thöny widmet sich in zwei ausführlichen Texten der Geschichte des Tals und räumt dabei mit mancher Legende auf: „Dass es einen ‚Römerweg’ über den Arlberg gegeben habe, ist eine sich hartnäckig haltende Vorstellung, die sich nicht zuletzt in touristischen Bezeichnungen äußert. Der älteste archäologisch dokumentierte Arlbergweg stammt freilich aus dem 14. Jahrhundert … “
Thöny erzählt in knappen, eindrucksvollen Skizzen die Geschichte der Ansiedlung des Johanniterklosters, das dem Tal schließlich seinen Namen gab und die Verkehrsströme auf den Arlberg sicherte. Er verweist aber immer auch auf Unerforschtes: „Leider haben wir bis heute keinerlei archäologische Kenntnisse über frühe Kirchenbauten im Klostertal.“ Als Pageturner erweist sich die Geschichte des weit über die Region hinaus Aufsehen erregenden Exorzisten Johann Joseph Gaßner aus Braz (1727–1779).

Sprachspaziergang

Dass in einem populärwissenschaftlichen Werk Sprachgeschichte ihren Platz hat, ist ausgesprochen selten, aber Simone Berchtold ist es gelungen, das trockene Thema höchst kulinarisch aufzubereiten, zum Beispiel mit den von Buchgestalter Kurt Dornig liebevoll in Szene gesetzten „Wenkerbogen“: Fragt man in Wald am Arlberg zum Beispiel „Wer hot mir da Karb mit am Fleisch gschtolla?“, so lautet die gleiche Frage in Langen „Wer hot miar da Karb mit mim Fleisch g’stolla?“ Die Vielfalt der Dialektfärbungen im Tal habe sie stets fasziniert, bemerkt da die Heimatdichterin Rosina Burtscher.
Sprache ist zwar immer im Fluss, ändert sich ständig, aber sie bewahrt auch die Geschichte auf: „Der Name Alfenz geht auf das indoeuropäische Wort für ‚weiß‘, *albʰos, zurück, welches eine ganze Reihe europäischer Gewässernamen hervorgebracht hat, z. B. auch die Albula in Graubünden. Das genaue Alter ist unklar; der Name wurde aber aus dem Indoeuropäischen ins Romanische und weiter ins Deutsche vererbt.“
Viel Vergnügen dürfte nicht nur den KlostertalerInnen die Etymologie der häufigsten Familiennamen (Thöny, Tscholl, Vonbank, Walch, Strolz) bereiten. Strolz etwa stammt aus dem alemannischen strolen und bedeutet herumschwärmen – ein gewisser Matthias Strolz aus Wald bekennt: „Ich habe mich … immer weiter rausbewegt aus dem Tal. Zunächst öfter nach Bregenz, als ich Schulsprecher war, dann fürs Studium nach Innsbruck und schließlich ein ganzes Jahr nach Dublin …“ Und damit war noch lange nicht Schluss mit dem Ausschwärmen.

„Wie ein Gemälde“

Augen für das Klostertal beweist der Fotograf Andreas Gaßner, der die omnipräsenten Strommasten und Bahnhöfe so ins Bild rückt, dass deren Bedeutung für die Menschen im Tal spürbar wird. Den Menschen in seinen Bildern „belässt er ihre Seele“, betont Peter Niedermair, und die Natur stelle er „völlig romantikfrei“ dar – aber eben mit einem Blick für die Schönheit des Flussufers oder der Maisäßhütten.

Historische Fotos

Wie die Orgelpfeifen stehen die sechs Buben der Familie Thöny um 1942 in der Wiese; flankiert von Eltern und Großeltern zeigt sich auch der Nachwuchs der Familie Avanzini um 1930. Die Avanzinis sind Nachfahren von Zuwanderern aus dem Trentino, die zum Bau der Arlbergbahn geholt wurden. 14.000 Arbeiter waren es zu Spitzenzeiten – in einem Tal, das heute 4.700 Einwohner zählt. Die Arlbergbahn veränderte alles, machte aus einer Region der Abwanderung und saisonalen Migration ein Einwanderungsgebiet – ein Paradigmenwechsel, der noch keineswegs abgeschlossen ist. „Gegenwärtig sorgt vor allem der Tourismus für eine verstärkte Zuwanderung von – teilweise saisonalen – Arbeitskräften in die Region“, resümiert Christof Thöny.

Diesmal in Dalaas aussteigen

Eine literarische Vignette von Benjamin Miatto setzt den berührenden Schlussakzent dieses außergewöhnlichen Buchs: Immer ist der Autor über den Arlberg nach Italien gefahren, spähte mit leisem Unbehagen in die wilde Landschaft, roch den Wald, den Schneewind, den Teergeruch der Bahnschwellen. Immer bestimmte schnelle Bewegung seine Wahrnehmung. Da beschließt er: „ ... diesmal steige ich in Dalaas aus und finde den verloren geglaubten Ort meiner Kindheit.“ Ein guter Tipp! Vielleicht mit dem Buch unterm Arm?

Im Tal der Alfenz. Geschichten und Bilder vom Klostertal, Beiträge von: Simone Bertold, Christian Kuehs, Max Lang, Benjamin Miatto, Peter Niedermair, Christof Thöny; Illustrationen von Bianca Tschaikner u. Fotografien von Georg Gantner, Andreas Gaßner; hg. v. Klostertal Tourismus, 212 Seiten, Flexicover, Pop-up-/Cut-out-Elemente, € 34,90
www.klostertal.travel/buch
Buchpräsentation: Fr, 30.11., 17 Uhr, Wasserkraftwerk Spullersee, Wald am Arlberg

Historische Fotos, hier von der Familie Thöny, zieren das neue Buch ebenso ...

Historische Fotos, hier von der Familie Thöny, zieren das neue Buch ebenso ...

... wie aktuelle Bilder des Fotografen Andreas Gaßner ...

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... und Illustrationen von Bianca Tschaikner.

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  • Historische Fotos, hier von der Familie Thöny, zieren das neue Buch ebenso ... Historische Fotos, hier von der Familie Thöny, zieren das neue Buch ebenso ...
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