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07.06.2019 |  Gunnar Landsgesell

Zwischen den Zeilen

Olivier Assayas jüngster Film überkreuzt zwei Ehepaare und lässt sie über ihre eigene Existenz und einen sich vollziehenden Zeitenwandel sinnieren: vom Analogen hin zum Digitalen. Da wird viel diskutiert und es werden so manche Filme zitiert, nicht alles ernst, es ist gewissermaßen Assayas erste "Komödie", die er konkret anhand der Arbeit eines Verlegers und eines Buchautors durchspielt.

Liebe in Zeiten zwischen analogem Festhalten und digitaler Leichtfüßigkeit, so könnte man Olivier Assayas’ nachdenkliche und ziemlich redselige Komödie „Zwischen den Zeilen“ nennen. Zwei Paare, der Verleger Alain (Guillaume Canet) und dessen Frau Selena (Juliette Binoche) sowie der Buchautor Léonard (Vincent Macaigne) und dessen Frau Valérie (Nora Hamzawi), geraten sich auf verschiedenste Weise in die Quere. Die zwei Männer checken sich gegenseitig bei einem Arbeitsessen ab: der Autor hat ein neues Buch geschrieben und fühlt vor, ob der Verleger es wieder in seine Edition aufnimmt. Doch der winkt schließlich ab, weil nach seinem Gefühl zu viel Privates in die Fiktion einfließt. Das Private findet sich auf einer weiteren Erzählebene des Films wieder: Autor Léonard hat eine Affäre mit Selena, just die Frau des Verlegers. Wenn er also sein eigenes Leben für seinen neuen Stoff verbrät, dann ist das nicht ganz risikofrei. Doch Assayas zielt in seinem jüngsten Film weniger auf die Paarbeziehungen ab, sie liefern ihm viel mehr einen humorigen Hintergrund dafür, das Doppelleben (Originaltitel: „Doubles vies“, also doppelte Leben) seiner Figuren auszurollen. Es scheint, als müssten die Protagonisten sich neu erfinden, um nicht von den neuen Zeiten überrollt zu werden. Die digitale Welt einer jüngeren Generation hat nicht nur schnelllebige Medien und kürzere Aufmerksamkeitsspannen, sondern auch ganze Berufsstände ins Wanken gebracht. Eben auch die von Verlegern und Autoren. In Assayas Film lebt man also doppelt, in der alten und in der neuen Welt. Ein Dilemma, das die Handlung oftmals auf recht unernste, heitere Weise in die Figuren einpflanzt und deren Verwirrtheit dann auskostet. "Zwischen den Zeilen" wildert dabei gehörig im Zitatedschungel, das reicht von Filmen Bergmans und Hanekes bis zu den großen Hoffnungen auf die Demokratisierung der Gesellschaft durch eine digitale Mediengesellschaft, in der sich jeder äußern kann.

Auf die Schaufel genommen

Dass Assayas Erzählung dabei auf keinen Punkt kommt, ist ihm vielleicht vorzuwerfen - oder auch nicht. Zu widersprüchlich scheint die aktuelle Lage. Insofern ist es nicht nur  Geplänkel, wenn der Verleger sich während einer Podiumsdiskussion in einen ziemlichen Strudel argumentiert, sondern Ausdruck der neuen Unübersichtlichkeit. "Unsere Gesellschaft respektiert nur Macht und Geld. Je mehr ein Buch kostet, umso mehr achtet sie es", meint Alain. Dass der hehre Verleger damit selbst zum Kapitalisten wird, und das auf Kosten der Demokratisierung, ist eines von vielen Bonmots, mit denen der Film operiert. So ist es nur konsequent, dass "Zwischen den Zeilen" keine richtige Mitte findet, sondern sich wie ein langer Dialog anfühlt, der von den Akteuren an verschiedenen Orten endlos fortgeführt wird. Zwischen Tisch und Bett, zwischen Arbeit und Sex, laviert man sich so irgendwie durch. Thematisch betrachtet dockt Assayas an frühere Filme an: In "Personal Shopper" erzählte er von der Entfremdung Kristen Stewarts von ihrem Freund, der für sie nur in Skype-Gesprächen und damit wie eine geisterhafte, digitale Erscheinung existierte. In "Clouds of Sils Maria" theaterte er Juliette Binoche als gealterten Schauspielstar in die Konfrontation mit einer jüngeren Generation (Kristen Stewart). Und in "L'heure d'été" ließ er eine Familie zusammenkommen, deren Mitglieder vor allem mit sich selbst beschäftigt waren und die Frage ihres eigenen Erbes nicht beantworten konnten. "Zwischen den Zeilen" ist sicherlich nicht Assayas' pointiertester Film und auch als Komödie geht er nur mit einem Augenzwinkern durch. Dennoch gibt es so etwas wie ein zentrales Stück im Film: Da steigt der Verleger Alain mit einer wesentlich jüngeren Social-Media-Beauftragten ins Bett und schon kollidieren Welten miteinander. Sie habe ein One-Track-Digital-Mind wirft er ihr vor, sie hingegen glaubt, dass das Digitale uns aus unserer Komfortzone holt und helfen würde, uns "neu" zu "erfinden". Die Fragen unserer Zeit als Groteske, fast nackt, nur in Unterhosen diskutiert, da nimmt sich ein kulturbeflissenes Milieu ganz offensichtlich selbst auf die Schaufel.

J. Binoche als Schauspielerin und G. Canet als Verleger: ein intellektuelles Milieu nimmt sich selbst auf die Schaufel.

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Binoche und Buchautor Vincent Macaigne: Eine Affäre als Stoff für den neuen Roman. Privates und Geschäftliches verschwimmen.

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Assayas greift die Digitalisierung unserer Gesellschaft auf und mäandert mit seinen Figuren dahin.

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