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27.03.2019 |  Gunnar Landsgesell

Willkommen in Marwen

Ein Künstler (Steve Carell), von Neonazis halbtot geprügelt, igelt sich geistig in der von ihm errichteten Puppenstadt Marwen ein. Dort spielt der Ex-Pilot den Zweiten Weltkrieg nach und kämpft an der Seite von kessen Frauen gegen die Wehrmacht. Die Regie des Hollywood-Veterans Robert Zemeckis fühlt sich in der Puppenstadt Marwen wesentlich lebendiger an, als wenn wir Carells Alltag begleiten.

„Alles ist möglich in Marwen“, meint Mark Hogancamp (Steve Carell) einmal. Eine Behauptung, die ganz sicher nicht stimmt. Marwen, das ist ein Modellstädtchen in Belgien, das sich der schüchterne Sonderling Mark neben seinem Shotgun House in der Wiese gebaut hat. Bewohnt von Spielfiguren, inszeniert Mark darin Kämpfe gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Immer und immer wieder müssen sie besiegt werden. Jene, die diesen Job erledigen, sind Soldatinnen, sexualisierte Frauenfiguren, die in knapper Kleidung kämpfen und im Jeep herumkurven, wo während der ruppigen Fahrt auch mal Kuhmilch über den weiblichen Körper schwappt. Mittendrin Mark in Uniform. Der Schlüssel zu diesen seltsamen Spielchen zwischen regressiven Fantasien und anti-faschistischem Kleinkrieg liegt in der Biographie der Hauptfigur: Mark, vormals ein talentierter Maler, wurde von Neonazis schwer misshandelt und imaginiert sich, vor Angst und Gedächtnisverlust geradezu paralysiert, in eine Fluchtwelt, sobald es brenzlig wird. Dafür reicht es auch schon, dass die neue, attraktive Nachbarin Nicol (Leslie Mann) vorbeischaut.

Stoßrichtung verloren 

„Willkommen in Marwen“ ist weniger ein origineller, als ein seltsamer Film. Dass Hollywood-Veteran Robert Zemeckis, ein enger Weggefährte von Steven Spielberg Regie führt, verwundert nicht. Mit „Zurück in die Zukunft“, „Forrest Gump“ oder „Der Polar Express“ sammelte er bereits Erfahrung mit Filmen, die an den Schnittstellen zwischen Abenteuer, familiengerechter Unterhaltung und künstlichen Welten operieren. „Willkommen in Marwen“ fühlt sich jedoch seltsam eklektisch und unrund an. Der wahre Fall, auf dem diese Geschichte basiert, lässt mehrmals einen irritierenden Ernst in die ansonsten glattgebürsteten Szenerien einsickern. Ein Hate Crime in der Barbie-Puppenstadt, das war offenbar auch (oder gerade) für Zemeckis und die Ko-Autorin Caroline Thompson („Edward mit den Scherenhänden“, „Corpse Bride“) mit versierten Hollywood-Dramaturgien nicht zu glätten. Somit wankt Steve Carell, ein munterer, sehr physischer Interpret seiner Rolle, zwischen dem infantilen Marwen, in dem er sich geistig eingehegt hat und dem, was Zemeckis als die „wirkliche Welt“ in diesem Film verkauft: tollpatschige Flirts mit der Nachbarin Nicol (die große Komödiantin Leslie Mann ist hier sträflich unterfordert), ein Ausflug in den Spielzeugladen, wo die Verkäuferin ihm wiedermal ein Date abringen möchte, oder schlicht der Versuch, ohne Panik unter Menschen zu gehen. Viel Routine also im Gegensatz zur Inszenierungslust von Zemeckis, sobald es um die Miniatursoldat/innen geht. Mehrmals zweifelt man, ob man gerade die hölzernen Spielfiguren sieht oder doch die echten Schauspieler. Als Hurra auf einen Mann, der am Ende seine Ängste überwindet und vor Gericht gegen die Neonazi-Schläger aussagt, eignet sich „Welcome to Marwen“ eher nicht. Zu nebensächlich erscheint dieser Aspekt in der Barbie-Welt. Aber auch die Wucht von Joe Dantes „Small Soldiers“ fehlt. Irgendwie scheint die Stoßrichtung in der Miniaturstadt Marwen verlorengegangen zu sein.

Gewaltopfer, Nerd, Mann mit Bedürfnissen: Eine Gratwanderung für Steve Carell, auch wegen dramaturgischer Unentschiedenheit.

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Barbie-Puppen als Einwohnerinnen von Marwen: während sie gegen die Nazis kämpfen, flüchtet der Protagonist aus der Realität. Das überzeugt nicht ganz.

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Für Mark unerreichbar: Leslie Mann als attraktive Nachbarin. Manns komisches Potenzial liegt hier leider brach.

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