Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

30.11.2018 |  Gunnar Landsgesell

The House that Jack Built

Serienkiller-Porträt, Splattermovie und krude Selbstbespiegelung: Lars von Triers jüngster Film folgt einem Architekten (Matt Dillon) auf seiner blutigen Spur. Ultrabrutale Szenen wechseln sich mit humorvollen ab, die Provokationslust hat Von Trier noch nicht verlassen.

Ein Haus, das auf Toten basiert, gibt dieser Siebziger-Jahre-Geschichte ihren Titel. Jack, ein Serienmörder, tötet 60 Menschen, fünf dieser Morde werden in „The House that Jack Built“ explizit thematisiert. Für jeden Mord ein Kapitel, das ergibt insgesamt fünf. So hat alles seine Ordnung, sagt Lars von Trier in einem Interview mit der ihm eigenen Mischung aus Provokation und Schalk. Abgründiger Humor, Zynismus, das sind die Bestandteile, aus denen Von Trier seine Filme aufbereitet. Sie machen es einem nicht leicht, zu ergründen, was sich dahinter verbirgt. Vielleicht ist die Grausamkeit, mit der Von Trier seinen Protagonisten (Matt Dillon) morden lässt, auch so etwas wie das Werfen von Nebelgranaten, um ein banales Chaos hinter der perversen „Ordnung“ interessant zu machen. Schon der sprechende Fuchs im Wald sagte in „Antichrist“ zu Willem Dafoe: „Chaos regiert“. Vielleicht wäre es auch langweilig, wenn Von Trier das erklärte Thema der Gewalt in seinem neuen Film so abgeklärt inszenieren würde, wie er Charlotte Gainsbourg in „Nymphomaniac“ die Liebe definieren ließ: „Das ist nur Sex plus Eifersucht“. Vielleicht sind es aber auch unendlich viele, eklektisch zusammengesetzte Bilder, die Von Trier aus Jahrzehnten Filmgeschichte zusammengesammelt und zu einem neuen Gemenge verarbeitet hat. Da ist der wachsende Sadismus, mit dem Von Triers Protagonist das Undenkbare, das De Sade in seinen Höllenkreisen formuliert hat, ausführt. Da ist der Putzfimmel, der an die sterile Welt von Christian Bale als Serienkiller in „American Psycho“ erinnert. Da ist der Moment des Austickens wie bei Michael Douglas in „Falling Down“, der einen Sog der Zerstörung freisetzt. Da sind Film-Noir-Versatzstücke zu erkennen und Kritik an der bürgerlichen Familie, und mehrfach bietet Bob Dylans „Subterranean Homesick Blues” einen irritierenden Subtext zum Geschehen.

Egozentrismus als Triebfeder

Verabschiedet hat sich Von Trier hingegen von interessanten, immer auch ambivalenten Frauenfiguren, wie sie etwa Charlotte Gainsbourg in "Nymphomaniac" verkörpert hat. In der banalen Angler-Metapher, die den Film rahmt, bleibt offen, ob sie Köder (die "Nymphe") ist, oder doch mit den Jägern ihr Spiel treibt. In "Jack" hingegen verengt sich der Fokus auf die Erniedrigung, das Massakrieren, den Objektstatus. Die Tarantino-Schauspielerin Uma Thurman wird das erste Opfer von Jack, während Von Trier sie darüber noch Witze machen lässt. Jack tötet wahllos Frauen, Kinder, Männer und steigert sich dabei in einen immer größeren Sadismus. Seine Leichen bewahrt er im Kühlhaus auf. Die Frage aber, ob das explizit Böse, das Von Trier einmal mehr um die (spekulativ gesetzte) Referenz des Nationalsozialismus erweitert, durch die explizite Darstellung von Grausamkeiten stärker an Kontur gewinnt, oder doch nur einen Köder für das Publikum abgibt, ist berechtigt. Dem Mystizismus und den formalen Experimenten seiner frühen Werke, die sehr offen wirkten, ist eine Begrenztheit der Fantasie in seinen Filmen gefolgt, die stärker von Egozentrismus und Provokation geprägt sind. Der Serienkiller, der sich als Künstler versteht, für den im Film Exkurse aus der Kunstgeschichte oder der Architektur bemüht werden, ist so ein kalkulierter Gedanke. Die Höllenpraktiken des Jack mit Kulturtechniken gleichzusetzen, ermöglicht ein munteres Spiel mit Emotionen. Und die Frage, ob die Welt aus Gut und Böse besteht, ist eine, mit der auch Von Trier gerne seine eigene Person öffentlich inszeniert. Nicht nur filmisch erweist sich der dänische Regisseur als Meister von Licht und Schatten, von Wahrhaftigkeit und Täuschung. Eine immer noch interessante Inszenierung.  

Wohlfeile Provokationen: der Mörder als Künstler.

Wohlfeile Provokationen: der Mörder als Künstler.

On the Road. Postmoderner Mordsspaß à la Tarantino: Uma Thurman witzelt, sie könnte bei einem Serienkiller eingestiegen sein.

On the Road. Postmoderner Mordsspaß à la Tarantino: Uma Thurman witzelt, sie könnte bei einem Serienkiller eingestiegen sein.

Krude Mischung: Gewalt, Angst, Splatter wechseln sich mit philosophischen Fragen über das Leben ab.

Krude Mischung: Gewalt, Angst, Splatter wechseln sich mit philosophischen Fragen über das Leben ab.

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Wohlfeile Provokationen: der Mörder als Künstler. Wohlfeile Provokationen: der Mörder als Künstler.
  • On the Road. Postmoderner Mordsspaß à la Tarantino: Uma Thurman witzelt, sie könnte bei einem Serienkiller eingestiegen sein. On the Road. Postmoderner Mordsspaß à la Tarantino: Uma Thurman witzelt, sie könnte bei einem Serienkiller eingestiegen sein.
  • Krude Mischung: Gewalt, Angst, Splatter wechseln sich mit philosophischen Fragen über das Leben ab. Krude Mischung: Gewalt, Angst, Splatter wechseln sich mit philosophischen Fragen über das Leben ab.