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28.08.2020 |  Gunnar Landsgesell

Tenet

Christopher Nolans coronabedingt lang erwarteter Film ist eine Mischung aus James Bond, Zeitreise und Science-Fiction. Gegenstände können sich unter dem Einfluss einer radioaktiven Strahlung in der Zeit zurückbewegen, womit auch der lineare Erzählverlauf sabotiert wird. Selbst Begegnungen der Protagonisten in verschiedenen Zeitachsen scheinen möglich. "Tenet" ist ein großer Wurf, auch wenn nicht alles Relevanz hat, was interessant erscheint.

Seine Filme wie „Inception“, „Interstellar“ oder „Dunkirk“ haben ganze Kinosommer gerettet, schreibt die „New York Times“. Seine „Dark Knight“-Trilogie hat die Partnerschaft zwischen Warner Bros und DC Comics gerettet, und vielleicht kann Christopher Nolan mit seinem neuen Agententhriller „Tenet“ das Kino vor der Corona-Krise retten. Die Erwartungen sind also recht hoch, und tatsächlich sucht Nolan auch mit seiner jüngsten Arbeit eine neue Dimension für etwas, das sich wie eine Mischung aus James Bond, Zeitreise und Science-Fiction ausmacht. Selbst der namenlose Protagonist und mutmaßliche CIA-Agent (John David Washington) hat immer wieder Mühe, seinem Auftrag kognitiv zu folgen. Washington soll einen nicht näher definierten Metallgegenstand aufspüren, den russische Undercover-Einheiten während eines Überfalls auf das Opernhaus von Kiew entwenden. Schon in dieser bombastisch inszenierten Anfangsszene hat man Mühe, zu verstehen, wer hier gegen wen antritt. Schwer bewaffnete Robocops gleiten an Wurfseilen durch die Räume, werfen Granaten und arbeiten sich in Egoshooter-Manier durch Gänge und Gegner. Nolan hält sich in diesen Szenen wie auch später an eine Aufforderung, die im Film einmal gemacht wird: Es sei besser, zu fühlen als zu verstehen, das gilt gleichermaßen für „Tenet“ und sein Publikum. Denn während man als Zuseher durchwegs beeindruckt ist von der Elastizität, mit der Nolan das Genre des Spionage- und Actionfilms ausdehnt, lernt man noch während der Handlung, auszusortieren: die MacGuffins von den wirklich relevanten Informationen; die freudvoll und technisch anspruchsvoll inszenierten Actionmomente von der Aktion, in der sich ein größeres Bild zusammensetzt; und die Bluffer und Jahrmarktschläger von den wirklich harten Typen wie Sator (Kenneth Branagh), einem russischen Oligarchen, der nicht nur seine Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) in seiner Gewalt hält, sondern mit dem auch das Schicksal der Welt irgendwie verbunden scheint.

Ein Film in der Möglichkeitsform

Mit dieser bizarren Dreiecksgeschichte zwischen dem Protagonisten, Sator und Kat lichten sich langsam auch die Nebel der Blendgranaten, die Nolan gerne wirft, je weiter sich sein Protagonist in die Welt der Geheimdienste, Waffenhändler und Söldner vorkämpft. Das mythische Material, um das alle hier buhlen, ist zugleich der Kern von Nolans ästhetischer Idee für diesen Film. Durch radioaktive Prozesse können Gegenstände invertieren, also zeitlich rückwärts verlaufen, während rundherum alles normal bleibt. Eine Kugel aus einer Pistole in einem Geheimlabor verblüfft den Protagonisten damit, dass sie nicht aus dem Lauf in eine Wand schießt, sondern aus dieser vielmehr heraus in seinen Pistolenlauf zu fliegen scheint. Dass sich die Zeit in "Tenet" nicht nur dehnt oder zusammenstaucht, wie das dem Medium Film zu eigen ist, sondern den linearen Erzählverlauf vorübergehend stoppt oder umpolt, vermag szenisch immer wieder zu überzeugen. Ein neues Universum entsteht daraus zwar nicht, aber Nolans Ansatz, Film in der Möglichkeitsform zu erzählen, interessiert. Den Lauf der Dinge durch eine Art Zeitreise zu verändern, kennt man aus anderen Filmen. Es ist vor allem auch die Hingabe Nolans an die filmische Form, die "Tenet" ausmacht. Fast sämtliche Action wurde unter großem Aufwand anstatt mit CGI und Bluescreen physisch in Szene gesetzt. Man spürt förmlich, dass die Boeing 747 echt ist, die der Protagonist und sein Agentenkollege (Robert Pattinson) in die massive Halle eines Freeports dirigieren, wo Kunstwerke steuerfrei gelagert werden. Vielleicht übertrumpft dieser Realismus die narrativen, verbindenden Elemente des Films, die eher theoretisch von den Möglichkeiten des Kinos handeln. Für den Score hat Nolan diesmal nicht Hans Zimmer engagiert, dessen Sound-Samples oft an den Effekt von Kleister erinnern, sondern Ludwig Göransson ("Black Panther"). Seine hämmernden, bebenden, surrenden Tonlandschaften verleihen den Tableaus eine Tiefe in den Raum. Alles in allem wirkt "Tenet" wesentlich rätselhafter als es die Story wohl ist. Mit Washington und Pattinson hat man ein klassisches Agentenduo, das seine Prüfungen recht lakonisch meistert. Schon auffälliger ist das zweite, disharmonisch angelegte Duo Branagh/Debicki. Hier bohrt sich durch all die Realitätsspiele eine schlichte, rohe Kälte.  

Wenn die Zeitachsen sich verwachsen: Washington und Pattinson als klassisches Agentenpaar in einem Film, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit treffen könnten.

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Motorbootfahrt mit Washington und Debicki: Nolan verbindet Genre-Elemente des Agentenfilms mit Anleihen an Science-Fiction.

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Branagh als Oligarch Sator: diabolisch.

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