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28.02.2020 |  Gunnar Landsgesell

Sorry We Missed You

Altmeister Ken Loach stößt ins Zentrum neoliberaler Arbeits- und Lebenswelten vor. Eine Familie zerfällt unter dem ökonomischen Druck, während der Vater als letzte Option zum Botenfahrer und Franchise-Unternehmer wird. Harter Stoff, von Loach wie gewohnt am Punkt erzählt.

Es sind die Paradoxien unserer Gesellschaft, von denen der Altmeister des britischen sozialen Kinos in seinem neuen Film „Sorry We Missed You“ erzählt. Handys, Kleidung, Fleisch werden billiger, viele freuen sich darüber, doch am anderen Ende der Produktionskette, in China oder in der Landwirtschaft wird der Preis dafür bezahlt. So ist das auch mit den Lieferdiensten. Wenn bequem online eingekauft und gratis geliefert wird, läutet ein Typ wie Ricky Turner (Kris Hitchen) an der Tür, um die Güter zu bringen. Anders als bei der Post ist Ricky aber kein Angestellter, sondern ein Schein-Selbstständiger, der sich den Lieferwagen auf Pump kaufen muss und immer eine kleine Plastikflasche mithat, in die er pinkelt, weil die Zeit für eine Pause fehlt. Das eigene Auto musste verkauft werden, nun braucht Ehefrau Abbie (Debbie Honeywood) den Bus, um als gestresste Pflegerin zu ihren Klienten zu kommen. Zeit für ein gemeinsames Abendessen bleibt kaum mehr, zudem wachsen der Familie die Schulden über den Kopf. Sohn Seb (Rhys Stone) reagiert sensibel auf die Verwerfungen und schwänzt die Schule, während die kleine Tochter Liza (Katie Proctor) zur Bettnässerin wird. Eine Familie steht am Abgrund. Und Ken Loach bzw. sein Langzeitautor Paul Laverty hätten kein besseres Sinnbild für das erschöpfte Selbst finden können als die Familie Turner.

Wenn alle Stricke reißen 

Es ist wohl die Kunst des britischen Altmeisters des sozialrealistischen Kinos, Erfahrungen der Prekarisierung und deren Auswirkungen recht drastisch auf engstem Raum zu verdichten und dennoch glaubhaft zu bleiben. Das liegt wohl daran, dass Loach immer noch in einer Linie des New British Cinema erzählt, das auf semidokumentarische Formen und unverstellte Schilderungen des Arbeiter- und randständiger Milieus setzte. Im Vergleich mit seinem letztem Film „I, Daniel Blake“ arbeitet Loach die Problematiken des Neoliberalismus noch stärker heraus. In „Sorry We Missed You“ gibt es keine solidarischen Zusammenhänge oder einen schützenden Staat mehr, die einen auffangen würden. Die Fahrer kämpfen sich vereinzelt durchs Leben, während der Familie als letztes Auffangnetz oft die Stricke reißen. Kein Zufall, dass bei den Gesprächen Rickys mit dem Chef der Lieferzentrale im Hintergrund mehrmals ein vergittertes Fenster zu sehen ist. Das Leben ist gleichsam zum Gefängnis geworden, ein Ausbruch kaum möglich. Man kann den Pessimismus kritisieren, der quasi aus jedem der trostlosen Plätze dieses Films spricht, egal ob in den eigenen Wänden der Familie oder den frustrierenden Fahrten von Haustür zu Haustür. Man kann Loach aber auch zugute halten, dass er seinem Publikum noch einmal die Augen öffnet für eine Welt, in die man schon so hineingewachsen ist, dass man sie für normal hält. In mehreren harten Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn macht der Film zudem deutlich, dass auch die nächste Generation nicht mehr an die Versprechung auf ein besseres Leben glaubt. Der Rückzug in die Kleinfamilie scheint so gesehen die letzte Hoffnung auf Trost. Doch von einer Aussicht auf eine bessere Welt war Ken Loach noch nie so weit entfernt.

Eindrücklich: Weiße Lieferwägen als Sinnbild für prekarisierte Arbeitsverhältnisse.

Eindrücklich: Weiße Lieferwägen als Sinnbild für prekarisierte Arbeitsverhältnisse.

Wenn alle Stricke reißen: Loach zeichnet ebenso dramatisch wie präzise den Zerfall einer Familie im Neoliberalismus nach.

Wenn alle Stricke reißen: Loach zeichnet ebenso dramatisch wie präzise den Zerfall einer Familie im Neoliberalismus nach.

Vereinzelung statt Solidarisierung: der Arbeiter als Unternehmer.

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Vater und Tochter: "Sorry We Missed You" lässt kaum Raum für lichte Momente.

Vater und Tochter: "Sorry We Missed You" lässt kaum Raum für lichte Momente.

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  • Eindrücklich: Weiße Lieferwägen als Sinnbild für prekarisierte Arbeitsverhältnisse. Eindrücklich: Weiße Lieferwägen als Sinnbild für prekarisierte Arbeitsverhältnisse.
  • Wenn alle Stricke reißen: Loach zeichnet ebenso dramatisch wie präzise den Zerfall einer Familie im Neoliberalismus nach. Wenn alle Stricke reißen: Loach zeichnet ebenso dramatisch wie präzise den Zerfall einer Familie im Neoliberalismus nach.
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