Rheingold
Wie aus einem kleinen Jungen, dessen Eltern klassische Musiker sind, ein Ghetto-Kind und Gangster-Rapper wird. Fatih Akin verfilmt die Biographie von Xatar, dessen Eltern vor der Islamischen Revolution geflohen sind und in Deutschland als Flüchtlinge ein neues Leben beginnen mussten. Ein harter Film ohne falsches Pathos.
„Du Scheißkerl!“ – in Fatih Akins jüngstem Film geht es hart her. Dabei stammt diese Tirade gar nicht aus dem Gangster-Milieu, in das der junge Kurde Giwar (aka Xatar) in Deutschland gerät. Es ist sein Vater, der ihn beim Klavierunterricht so beschimpft. Eghbal Hajabi, der im Iran ein bekannter Komponist und Dirigent klassischer Musik war, ist, nachdem die Familie der Islamischen Revolution im Iran entkommen ist, in Deutschland zum „Flüchtling“ degradiert. Mit einem roten Sakko aus der Kleiderspende, in dem er sich wie Charly Chaplin fühlt, schleicht er sich mit seinem kleinen Sohn tagsüber in das leere Konzerthaus in Bonn. Auf der Bühne wird gerade geprobt, der Vater erkennt die Melodie sofort und flüstert Giwar im Halbdunkel des Zuschauerraums zu, das sei "Rheingold" von Wagner. Akin inszeniert die Szene wie einen magischen Moment, und in der Tat wirkt es so, als würden hier die Weichen im Leben dieser Familie gestellt. Allein, das mythische Gold, auf das sich Wagner in seiner Oper bezieht, steht nicht mit Glück in Verbindung.
Klare Verhältnisse
"Rheingold" ist nach Akins "Aus dem Nichts" über den rechtsextremen Terror der NSU und "Der goldene Handschuh" über einen Frauenserienmörder im Hamburg der Siebziger Jahre eine weitere Erzählung deutscher Geschichte von den Rändern betrachtet. Akin inszeniert einmal mehr geradlinig, hart und ohne falsches Pathos. Der Film beginnt weit weg von Deutschland, in einem irakischen Gefängnis, wohin es den erwachsenen Giwar aka Xatar nach einem Goldraub verschlagen hat. In einer Rückschau entfaltet sich das Leben des Burschen, das sich als Kette tragischer Ereignisse irgendwie zu diesem Punkt hingewunden hat. Zu sehen ist, wie die kunstsinnigen Eltern mehrmals mit dem nackten Leben davonkommen, zuerst vor Khomeinis Schergen, dann vor den Folterknechten Saddam Husseins in irakischen Gefängnissen. Seine Mutter (Mona Pirzad) entbindet ihren Sohn allein in einer Höhle, weil sie vorübergehend in den kurdischen Untergrund als Peschmerga-Kämpferin gegangen ist. Bevor man also in der Welt des späteren Gangster-Rappers Xatar angekommen ist, gibt es einiges zu erfahren. Dabei ist es Akin ganz offensichtlich wichtig, den Statusverlust der Eltern und die sozialen Ausgrenzungserfahrungen des Jungen als Parameter für die "Entgleisung" des Jungen und dessen spätere Karriere als Schläger, Krimineller und Gangster-Rapper zu setzen. Akin gelingt das ohne moralische Wertung, stattdessen erzählt er im unterkühlten Stil US-amerikanischer Thriller. Das ist packend und wird Akin von mancher Seite als fehlende Haltung bzw. Empathie ausgelegt. Tatsächlich ist es aber ein weiterer Versuch, "Geschichte von unten" ohne rechtfertigenden oder anklagenden Tonfall zu erzählen. Die Schläge, die der junge Giwar im Milieu anderer "Flüchtlingskinder" als Nachwuchsdealer einsteckt, teilt er bald selbst aus. Akin behält dabei die Kontrolle über die Bilder, verfällt in keine Glorifizierung seines Protagonisten, wendet die Kamera quasi nicht ab, wenn das Blut aus der Nase der Gegner läuft. Es gibt nicht viele Filmemacher im deutschsprachigen Raum, die auf diese nackte, rohe Weise über Figuren erzählen und dabei dennoch genügend vom sozialen Kontext bestehen lassen können, um für den Zuseher die Verhältnisse ein bisschen klarer zu gestalten. Dass der Hauptdarsteller Emilio Sakraya durchaus sympathischer wirkt als der Gangster-Rapper Xatar sei Akin verziehen.