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02.08.2013 |  Gunnar Landsgesell

Paulette

Eine verarmte Pensionistin beginnt in den Pariser Banlieues Haschisch-Kekse zu verkaufen, um sich auch ein Stück vom Wohlstand abzuschneiden. Dass sie dabei von der Rassistin wieder zu einer empathiefähigen Frau wird, ist ein netter Nebeneffekt dieser ebensolchen Komödie.

„Paulette“ ist einer dieser Fälle von synthetisierendem Kino, das Widersprüche behauptet, um sie Stück für Stück zugunsten einer Feelgood-Verabschiedung des Publikums aufzulösen: Provokation und Heimeligkeit erhält man als Doppelpack geliefert, das viel Spaß und keine Angst bescheren soll. Da gibt es also diese Pensionistin, Paulette (die vor wenigen Tagen verstorbene Nouvelle-Vague-Schauspielerin Bernadette Lafont), die anfangs nicht wirklich sympathisch ist. Aber man weiß ganz genau, sie wird es im Verlauf des Films noch werden. Alles an ihren charakterlichen Eigenschaften ist bereits auf Besserung angelegt: Sie rangelt mit anderen verarmten Frauen am Markt um das Gemüse, das nach Verkaufsschluss am Boden umherliegt und wohnt im Plattenbau unter all den „Ausländern“, die sie nicht mag. Dort gehört sie aber nicht hin, denkt man sich und schon wurde eine Solidarisierung mit der Protagonistin erzielt, ohne dass sie einem (noch) Anlass dafür gibt. Zu den absurden Gegensätzen, die „Paulette“ für seinen humoristischen Plot produziert, gehört, dass die Frau von Schwarzen umgeben ist. Ihre Tochter ist mit einem Schwarzen verheiratet, ein netter Polizist bei der Drogenbehörde, und das gemeinsame Kind der beiden ist auch nicht weiß. Deshalb hasst sie alle drei. Ihren Enkel nennt sie „Bimbo“ und sagt ihm: Weißt du, warum ich dich nicht mag? Weil du schwarz bist. Zu Kritik an einer Figur wie Paulette gehört, dass sie in die Kirche geht und beichtet. Dort sitzt ihr ein schwarzer Priester gegenüber. Dem erzählt sie von den ganzen „Jigaboos“, die sie umgeben. Der Ordensmann ist natürlich ausgenommen: „Sie hätten es sich verdient, weiß zu sein.“ Dass die Pensionistin schließlich ihre Opposition aufgibt und aus ihrem Unglück ein fortune, ein kleines Vermögen, macht, indem sie für den lokalen Drogendealer space cookies unter das Volk bringt, ändert alles: Ihr persönlicher Rassismus verkrümelt sich mit der Rückkehr eigener Handlungsfähigkeit und finanzieller Besserstellung. So hängen nunmal das Gefühl von sozialem Ausschluss und finanzieller Not mit der Degradierung anderer zusammen.

Haschisch-Oma aus Ressentiment

Diesen Plot, und damit die erwartete ethische „Gesundung“ der Protagonistin nicht sympathisch zu finden, wird wohl niemandem gelingen. „Paulette“ arbeitet – wie etwa auch die französische Erfolgskomödie „Willkommen bei den Sch’tis“ – nach dem Erfolgsrezept, eine scheinbar unvereinbare Gegnerschaft nach und nach in eine Atmosphäre von Alle-haben-sich-lieb aufzulösen. Dagegen spricht gar nichts. Andererseits wirkt „Paulette“, den der Sohn des namhaften französischen Regisseurs Robert Enrico („Das alte Gewehr“), Jérôme, verfilmt hat, wie ein Franchise der jüngsten Komödien-Blockbuster der Grande nation. Gewagte Ideen werden sogleich durch eine Biederkeit niedergerungen, um das Konsenskino mit Millionen-Publikum nicht zu gefährden. Auch wenn dieser Ausflug mit Haschisch-Windbäckerei nicht so weit führt wie erwartet, bringt das Ende ein paar interessante Impulse.

Pensionistin als Dealerin: Freundliche Parabel auf neue Armut.

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Bernadette Lafont als rassistische Oma: Weißt du, warum ich dich nicht mag? Weil du schwarz bist. Mit dem Wohlstand wird alles anders.

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Rentnerinnengang: Windbäckerei mit Ganja-Flavour. Am Ende wird auch ohne Drogen ein Geschäftsmodell für das neue Glück gefunden.

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