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05.01.2020 |  Gunnar Landsgesell

Otto Neururer - Hoffnungsvolle Finsternis

Ein eher unbekanntes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte: Otto Neururer war ein Priester aus einem kleinen Dorf in Tirol, der aufgrund seiner unbeugsamen humanistischen Haltung von den Nazis ermordet wurde. Das Doku-Drama spürt den Spuren Neururers ziemlich unkonventionell nach. Ein recht heterogenes Trio, zu dem auch Ottfried Fischer als gewitzter Pfarrer zählt, macht sich auf eine Reise auf, die Vergangenheit und Gegenwart verschränkt.

Wie kann man über die Vergangenheit erzählen, ohne die Bezüge zu heute zu vernachlässigen? Das Doku-Drama „Otto Neururer“ ist der Versuch, die Erinnerung an einen Widerständler gegen den Nationalsozialismus hochzuhalten, und dessen Haltung zugleich in eine aktuelle Erzählung einzubetten. Das geht so: Drei Menschen begeben sich auf die Spuren Neururers, einem Tiroler Pfarrer, den die Nazis wegen seiner ungebrochen humanistischen Haltung in das KZ Buchenwald deportiert hatten, wo sie ihn 1940 ermordeten. Die drei Akteure, die ihre Reise gleichsam im Geist Neururers antreten, sind ganz unterschiedlich ausgerichtet: Da gibt es Heinz (Heinz Fitz), der nicht mehr beten kann, weil ihn die Geister der Vergangenheit verfolgen. Als Sohn eines SS-Offiziers und Lebensbornkind, das dem Rassenwahn folgend mit einer nordischen Frau gezeugt wurde, gelingt es ihm erst spät, sich von seiner NS-Sozialisierung zu lösen. Nun steht er vor dem Trümmerhaufen seiner Existenz. Das ist der Moment, in dem Pfarrer Anton (Ottfried Fischer) ins Spiel kommt, an den sich Heinz vertrauensvoll wendet. Beide beschließen eine Tour, um emotionale Verkrustungen aufzubrechen. Als Chauffeurin wird eine junge Frau engagiert, die eine Frau verprügelt und das gefilmt und auf Social Media gestellt hat. Nun ist Sofia (Jasmin Mairhofer) zu Sozialstunden verpflichtet und findet sich als Fahrerin der beiden älteren Herren wieder. Damit hat der Film nicht nur sein ungleiches Trio, dessen innere Unruhe sich für Veränderungen aller Art, vor allem der eigenen Persönlichkeit eignet. Sondern auch ein Gespann, das nach dem Motto „Der Pfarrer und die Göre“ funktioniert. Für Ottfried Fischer, nicht nur im Film, sondern auch real an Parkinson erkrankt, fand sich eine Rolle, in der dieser auch mit minimalen Ausdrucksmitteln und lakonischer Stimme effektiv ist. Die Dialoge zwischen ihm und seiner Weggefährtin sind folglich zwischen Respektlosigkeit und davon unbeeindruckter Zuwendung geprägt. Der Witz kommt dabei nicht zu kurz.

Szenische Schlaglichter 

Eine heterogene Gruppe von Leuten und deren daraus motivierte Transformationen sind der Erzählmotor vieler Filme. Die Verschränkung mit der Historiographie eines Kirchenmannes ist der ungewöhnliche Part dieses Projekts. In historischen Rückblicken, teils durch Fotos, teils durch Reenactments, wird die Rolle des Pfarrers Otto Neururer (Lucas Zolgar) erzählt, der sich dem Antisemitismus und der Menschenverachtung der Nazis nicht beugen wollte. Er liebe alle Menschen, verkündet er im Film und meint damit explizit auch die jüdische Bevölkerung. Als er einer jungen Frau, die von einem wesentlich älteren Mann und NSDAP-Anhänger schwanger wurde, von der Heirat abrät, verhaftet man Neururer. In szenischen Schlaglichtern sieht man, wie er im Konzentrationslager anderen Häftlingen Trost spendet und den Glauben hochhält. Von den Nazi-Schergen ermordet, sprach ihn Papst Johannes Paul II dafür selig. Regisseur und Produzent Hermann Weiskopf inszeniert einen Film, der auf eine eigentümliche Art Vergangenheit und Gegenwart zusammendenkt. Erfahrungen wie Entwürdigung und Gewalt sowie Selbstwertgefühl und Solidarität gehen hier eine gedankenvolle Beziehung mit dem Engagement von Neururer selbst ein.

Otto Neururer, im KZ ermordet. Ein Doku-Drama zwischen historischen Fakten und Bezügen zur Gegenwart.

Otto Neururer, im KZ ermordet. Ein Doku-Drama zwischen historischen Fakten und Bezügen zur Gegenwart.

Vergnüglich: Ottfried Fischer als guter Hirte und lakonischer Helfer.

Vergnüglich: Ottfried Fischer als guter Hirte und lakonischer Helfer.

Mit seinen zwei Erzählsträngen verknüpft der Film Fragen nach der persönlichen Haltung jedes Menschen.

Mit seinen zwei Erzählsträngen verknüpft der Film Fragen nach der persönlichen Haltung jedes Menschen.

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  • Otto Neururer, im KZ ermordet. Ein Doku-Drama zwischen historischen Fakten und Bezügen zur Gegenwart. Otto Neururer, im KZ ermordet. Ein Doku-Drama zwischen historischen Fakten und Bezügen zur Gegenwart.
  • Vergnüglich: Ottfried Fischer als guter Hirte und lakonischer Helfer. Vergnüglich: Ottfried Fischer als guter Hirte und lakonischer Helfer.
  • Mit seinen zwei Erzählsträngen verknüpft der Film Fragen nach der persönlichen Haltung jedes Menschen. Mit seinen zwei Erzählsträngen verknüpft der Film Fragen nach der persönlichen Haltung jedes Menschen.