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10.05.2019 |  Gunnar Landsgesell

Nur eine Frau

2005 wurde in Berlin die 23-jährige Aynur Sürücü von ihren Brüdern ermordet, ein "Ehrenmord", weil sie sich den Familiengesetzen widersetzt hatte. "Nur eine Frau" rollt die Ereignisse nochmals auf, aus Sicht der Toten, zwischen Familiensoap und Jugenddrama.

Einen Film, der in der Opferhaltung verharrt, wollte Regisseurin Sherry Hormanns auf keinen Fall drehen. „Nur eine Frau“ ist die Geschichte eines Ehrenmordes und sie wird konsequenterweise von der Toten selbst erzählen. „Ihr werdet euch denken, kann die nicht einfach tot sein?“, sagt zu Beginn die deutsche Schauspielerin Almilia Bagriacik in der Rolle der Hatun Aynur Sürücü, während man Polizeifotos der Leiche sieht. Sürücü wurde 2005 mit 23 Jahren in Berlin von ihren Brüdern erschossen, weil sie sich den Familiengesetzen widersetzt hatte. Im Film kommentiert die junge Frau selbst das Geschehen, als wäre sie noch am Leben. Ein Mordfall, neu aufgerollt aus Sicht der Toten. Dramaturgisch ein Grenzgang, weil die tragische Geschichte zwischen Familiensoap, Drama und Sozialreportage die Schwere vermeiden möchte, die Verfilmungen nach realen Ereignissen oft zu eigen sind. Mit Comicstrip-ähnlichen Sequenzen und Jugendsprache (Drehbuch: Florian Oeller, interessanterweise von einem Mann) lockert Hormann die schwierige Materie etwas auf, nicht die „Hater Familie“, sondern eine tapfere junge Frau soll hier gewürdigt werden. Die Ereignisse in der Türkei, Zwangsverheiratung, Schwangerschaft und Flucht zurück in die Heimatstadt Berlin werden ausgespart. Zu sehen ist eine junge Frau, die sich ihr eigenes Leben aufbaut: die mit ihrem Kind in eine eigene Wohnung zieht, das Kopftuch ablegt und in eine Elektroinstallateurskluft schlüpft. Aus Sicht der Familie ist das Verrat – „Du siehst aus wie ein Mann“ – aus Sicht des Publikums ein Akt der Befreiung. In erster Linie erzählt „Nur eine Frau“ aber von einer Frau, die auf ihre Selbstbestimmung pocht und dennoch Kontakt zu einer Familie hält, die das nicht akzeptieren will. Die Anfeindungen reichen bis zu Morddrohungen, die in wiederkehrenden Telefonanrufen recht dezent in die Handlung eingestreut werden.

Vermeidet kulturelle Paradigmen

Gerade weil der „Ehrenmord“ medial ein eigener Topos geworden ist, muss man der Inszenierung von Sherry Hormann („Wüstenblume“) zugute halten, dass sie das Thema nicht ausschlachtet. Sie sucht keine Erklärungen für das Unfassbare so einer Tat, und lässt anstatt kultureller Konstrukte lieber ihre Hauptfigur sprechen, und zwar für sich. Auch was den Islam betrifft, sichert man sich dramaturgisch gleichsam ab: Während die Arbeiterfamilie, aus der Aynur stammt, sehr konservativ ist, unterläuft eine zweite, liberale muslimische Familie (Mutter: Unternehmerin) voreilige Erklärungsmuster. Angerissen wird, dass sich die Brüder durch die Predigten eines radikalen Vorbeters in einer Moschee legitimiert gefühlt haben, die Genese zum Mord bleibt eher vage. Das grundsätzliche Bemühen Hormanns, zwischen Religion und patriarchaler Tradition zu unterscheiden, ist hingegen ganz offensichtlich. Die Filmemacherin meinte dazu in einem Interview, dass sie Beifall von der „falschen“ Seite vermeiden wollte. Interessant ist, wie ein solcher „Ehrenmord“ im Vergleich zu einem Eifersuchtsmord eines Ehemannes oder Ex-Mannes an seiner Frau gesehen wird. Wie würde eine Verfilmung solcher Fälle aussehen? „Nur eine Frau“ verhält sich klug zu solchen Fragen, und findet in ihrer Protagonistin seine erzählerische Mitte.

Verordnete Ehe und Freiheitsbestrebung: "Nur eine Frau" erzählt vom Aufbegehren gegen patriarchale Tradition.

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