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02.10.2020 |  Gunnar Landsgesell

Ein bisschen bleiben wir noch

Zwei Kinder und eine Mutter, von der Abschiebung nach Tschetschenien bedroht, werden in Arash T. Riahis Tragikomödie zum Katalysator, um einen frischen Blick auf uns selbst zu werfen. Konsequent aus den Augen der Kinder erzählt, offenbart der Integrationsdiskurs aber auch für die gutmeinenden Pflegeeltern eine äußerst groteske Note.

Eine Mutter und zwei Kinder, von der Abschiebung nach Tschetschenien bedroht. Der Vater ist schon weg. Was nach einer von vielen Zeitungsmeldungen klingt, inszeniert der Wiener Filmemacher Arash T. Riahi mit einer ganz eigenen Energie. Er adaptierte die Geschichte recht frei nach dem Roman „Oskar und Lilli“ der Vorarlberger Autorin Monika Helfer und taucht seinen Film in einen magischen Realismus, der sich durch die Perspektive der Kinderaugen noch wirksamer erweist als im filmischen Vorläufer „Ein Augenblick Freiheit“ (2008). Dabei gelingt Arash das Kunststück, harsche Realität nahtlos an tragikomische bis blumige Momente zu knüpfen, wie das kaum ein anderer Filmemacher in Österreich vermag. Wenn wohlmeinende Menschen sich als Pflegeltern für die zwei Kinder anbieten, dann aber selbst in jedes Fettnäpfchen des Integrationsdiskurses tappen, ist es zwischen Lachen und Weinen nur ein winziger Sprung. „Ein bisschen bleiben wir noch“ schöpft in dieser Hinsicht aus dem Vollen.

Gelungener Perspektivwechsel

Im Zentrum stehen die 13-jährige Lilli (Rosa Zant) und der achtjährige Oskar (Leopold Pallua), die nach einem Suizidversuch ihrer Mutter vom Jugendamt getrennt und an Pflegeeltern vermittelt werden. Lilli findet sich bei einer mittelalten Frau namens Ruth (Simone Fuith) wieder. Während sich beide langsam annähern, treibt Ruths abgefeimter Freund einen Keil dazwischen. Oskar hingegen bekommt es mit einem veganen Lehrerpaar und einer Oma zu tun, die an Parkinson leidet und in der Familie selbst eher nur gelitten wird. Arash nutzt vor allem diese Familien-Konstellation, um die rigiden normativen Vorstellungen der Pflegeeltern konsequent zu ironisieren und findet dafür aus dem Blick des kleinen Oskar eine äußerst fruchtbare Erzählebene vor. Als Rache für die unsensiblen Veganer landet schon bald eine Leberkässemmel unter deren Matratze, die dort langsam ihre Duftmarke verbreiten soll. Während ein sparsamer, dafür umso effizienter wirkender Score die Szenerien lakonisch kommentiert, sind es vor allem die filmischen Bilder (von Kameramann Enzo Brandner), die diesen Film in eine radikal subjektive Sicht der Kinder tauchen. Verschwommene Wien-Ansichten, surreale Einschübe und bis ins Groteske gesteigerte Begegnungen entfalten eine Stimmung, in der vieles sichtbar wird. Und wieder einmal sind es die randständigen Figuren, die das größte Potenzial zur Freiheit beweisen, obwohl gerade sie durch äußere Umstände gebunden sind. Im Film erinnern Oskar und die bereits immobile Oma lose an Hal Ashbys Freiheitsode "Harold and Maude", in denen (geistige) Ausritte aus der Normalität geübt werden. "Ein bisschen bleiben wir noch" versteht es aber auch, in feiner Situationskomik die Beschränkungen unseres eigenen politischen Klimas offenzulegen. Der Mechanik von Roy Anderssons sozialen Miniaturen ("Über die Unendlichkeit") ähnlich, werden die Beziehungen zwischen geflüchteten Menschen und der Mehrheitsgesellschaft - als humorvolle bis schmerzliche Erfahrung - plötzlich sehr konkret. 

Oskar und Lilli, dazwischen die Rehaugen auf einer selbst gebastelten Tapete: Referenz an eine Ex-Innenministerin?

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Wohlmeinendes Lehrerehepaar als Pflegeeltern. Der Film legt dabei die Fallstricke des Integrationsdiskurses genüsslich aus.

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Die Allianz zwischen der Oma und dem kleinen Oskar lässt an "Harold and Maude" denken.

Die Allianz zwischen der Oma und dem kleinen Oskar lässt an "Harold and Maude" denken.

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  • Oskar und Lilli, dazwischen die Rehaugen auf einer selbst gebastelten Tapete: Referenz an eine Ex-Innenministerin? Oskar und Lilli, dazwischen die Rehaugen auf einer selbst gebastelten Tapete: Referenz an eine Ex-Innenministerin?
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