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01.10.2020 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (2.10. - 8.10. 2020)

In der Programmkinoschiene im Kino Lustenau ist diese Woche die absolut schräge Elfriede Jelinek-Verfilmung "Die Kinder der Toten" zu sehen. Im Filmforum Bregenz erkundet dagegen Patricio Guzman in "La cordillera de los suenos" ein weiteres Mal die Landschaften und die Geschichte seines Heimatlands Chile.

Die Kinder der Toten: Ein finsteres Bild von Österreich zeichnet die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihren Romanen. Die Amerikaner Kelly Copper und Pavel Liska haben deren 1995 erschienenen Roman "Die Kinder der Toten", da es ihn nicht in englischer Übersetzung gibt, nie gelesen, sondern nur sich den Inhalt erzählen lassen. Dies aber ist noch die kleinste Schrägheit dieser "Literaturverfilmung", denn das New Yorker Nature Theater of Oklahoma – der Name bezieht sich auf eine Kapitelüberschrift von Franz Kafkas unvollendetem "Amerika"-Roman – hat unter Coppers/Liskas Regie Jelineks Roman als stummen Super-8-Film mit Zwischentiteln adaptiert.
Besetzt wurden die Rollen mit Laienschauspielern aus der Obersteiermark, in der Jelinek ihre Kindheit verbrachte und in der auch der Film gedreht wurde. Zentraler Schauplatz ist ein Dorfgasthof, auf dessen Besucher Copper/Liska mit einem Biss blicken, der an die Filme Erich von Stroheims erinnert. Als es bei einer Tour für die Gäste zu einem Unfall kommt, kehren bald die lebenden Toten zurück, während gleichzeitig einige syrische Poeten im Gasthof um Aufnahme bitten und ein Förster vom Geist seiner beiden Söhne, die Selbstmord begingen, verfolgt wird.
Bewusst trashig mit Lust am Amateurhaften ist das inszeniert, knüpft mit der Rückkehr der Toten an Herk Harveys Low-Budget Kultfilm "Carnival of Souls" an, der zu Jelineks Lieblingsfilmen zählt, ist aber auch ein böser Kommentar zur österreichischen Verdrängungskultur.
Denn bald wird auch die Witwe eines Nazis in einer stillgelegten Fabrik im Cinema 666, dessen Name sich sowohl auf Satan als auch auf die Seitenzahl von Jelineks Buch beziehen kann, eine geheime Filmvorführung abhalten, bei der sich unter einen Heimatfilm auch Nazi-Offiziere mischen und die Zuschauer Rotz und Wasser heulen, bis die Leinwand in Flammen aufgeht und die Toten ins Kino vordringen.
Nichts zu tun mit herkömmlichem Kino hat das, aber wie hier alle Grenzen überschritten werden, das kann diesen höchst exzentrischen Film für Zuschauer, die sich darauf einlassen zu einem ungemein unterhaltsamen und lustvollen, schwarzhumorigen Vergnügen machen.
Kinothek Lustenau: Di 7.10., 18 Uhr + Mi 8.10., 19.30 Uhr


La cordillera de los suenos – Die Kordillere der Träume: Nach dem Blick auf die Atacama Wüste und die dortigen Spuren des Terror-Regimes von Pinochet in „Nostalgia de la luz“ und der historischen Tiefenbohrung in Patagonien in „El botón de nacar" fokussiert Patricio Guzman im abschließenden Teil seiner Trilogie über die Landschaften und die Geschichte Chiles auf den Anden, die rund 80% der Fläche Chiles ausmachen und das Land vom Rest der Welt – je nach Sichtweise – isolieren oder schützen.
In großartigen Flugaufnahmen fängt Guzmán die Majestät und Pracht dieser teils schneebedeckten Gebirgskette ein und stellt ihre Unbeweglichkeit und Festigkeit der dramatischen Geschichte seines Heimatlandes gegenüber. Das Persönliche und das Politische fließen dabei ineinander, wenn er sich an den Besuch des WM-Spiels Chile gegen Italien 1962 in dem Stadion von Santiago de Chile erinnert, in dem elf Jahre später nach dem Putsch er selbst und zahlreiche andere Regimegegner interniert wurden.
Die Wege führen Guzman aber auch zu seinem Elternhaus, dessen Fassade zwar mit Graffitis verschmiert, aber noch intakt ist, während eine Luftaufnahme den Blick ins verwüstete Innere öffnet. Eine unaufdringliche Metapher für den Zustand des heutigen Chile kann man darin sehen, das nach Außen als intakte Demokratie erscheint, dessen inneren Spannungen aber aufgedeckt werden.
Ins Zentrum rückt Guzman dabei den Dokumentarfilmer Pablo Salas, der die historischen Entwicklungen in Chile in den letzten Jahrzehnten filmisch begleitete. Gleichzeitig werden in diesem bildstarken und gedankenreichen Essayfilm die jungen chilenischen Filmemacher aufgefordert, in dessen Fußstapfen zu treten.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 7.10., 20 Uhr

Weitere Filmkritiken, Festivalberichte, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.

Die Kinder der Toten

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La cordillera de los suenos

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