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19.07.2019 |  Gunnar Landsgesell

Edie - Für Träume ist es nie zu spät

Nach einem unbedankten Leben sucht eine Mitt-Achtzigerin ihren eigenen Weg: Sie möchte einen Berg in den schottischen Highlands erklimmen, um auch mal wieder glücklich und frei zu sein. Eine Geschichte, die einem bekannt vorkommt, samt wechselvoller Freundschaft mit einem jungen Guide. Dennoch findet "Edie" vor allem dank der Hauptdarstellerin Sheila Hancock eigene Bilder dafür.

Mit der Pommes-Bestellung kommt die Eingebung: Als die Londoner Rentnerin Edie abends in ihrem Stammlokal, einem traurigen Fastfood-Schuppen, fragt: „Am I too late for the chips?“, lautet die Antwort: „It is never too late for you, Edie“. Was dann folgt ist der vorerst zögerliche Befreiungsschlag einer Mitt-Achtzigerin: Zuerst hatte sie ihr Leben als Mutter und danach jahrzehntelang als Pflegekraft ihres siechenden Ehemannes verbracht. Nun soll Versäumtes nachgeholt werden: Weil ihre verständnislose Tochter sie in ein Altersheim abschieben will, steigt die fast Hundertjährige aus dem Fenster und verschwindet.

Berg-, Buddy- und Befreiungsfilm

„Edie“ ist einer jener Filme, die einem bekannt vorkommen, aber dann doch eigene Bilder finden. Der durchaus rüstigen Frau fällt beim Packen eine alte Postkarte in die Hände, die Erinnerungen auslöst. An den Vater, an die schottischen Highlands und an einen Berg in der Nähe der Provinzhauptstadt Inverness, den sie nun erklimmen will. Ähnlich wie bei Robert Redfords einsamer Reise auf einem Segelboot spielt auch "Edie" möglichst oft den Trumpf des Alters aus: Sheila Hancock darf sich immerhin vom graubraunen Pensionistenlook zur bunten Wandermaus in Trekking Wear vorarbeiten. Dabei wird einiges auf der Strecke bleiben: Üble Laune, bohrende Zweifel und zuerst einmal ein Gasbrenner, der wohl noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammt. Um maximale Reibung zu erhalten, stellt Regisseur Simon Hunter der Neo-Weltenbummlerin den jungen, freundlichen Sportsmann Jonny (Kevin Guthrie) an die Seite, Generationenkonflikte und verschiedene Temperamente sind damit programmiert. Da lässt man den Anderen schon mal genervt im Regen stehen, nur um sich an der nächsten Weggabelung in umso größerer Verbundenheit wiederzufinden. Irgendwann, zwischen kahlen Abhängen und Schafherden, wird Jonny die grummelige Edie dann als Freundin bezeichnen. Soweit das Konzept, zu spüren ist das zwischen den beiden Darstellern eher nicht. Bemerkenswert ist, dass das Leitmotiv dieser Geschichte, die Befreiung von alten Lasten, gleichsam nebenbei passiert. Als Edie auf dem Weg zum Berg ungeschickterweise ein Paddel im See verliert, und vor Erschöpfung einschläft, hat der Wind sie sanft ans andere Ufer getrieben. In den folgenden Minuten gehört dieser Film endlich der Hauptdarstellerin allein. Man sieht sie beim Anstieg in einer erstaunlich unwirtlichen, fast abweisenden Landschaft, und erstmals wirkt sie ganz bei sich. Nur der sentimentale Score lässt sich auch hier nicht abschütteln. Ein entspannter, fast gleichmütiger Film, der die Welt nicht neu entdecken, sondern noch einmal auf einen Berg führen will.

"Edie" läuft im Cinema Dornbirn, bis 25.7., jeweils um 18 Uhr

Raue Landschaft, grummelige Betrachterin. Ein entspannter Film, der bekannte Wege beschreitet.

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Bergfreundschaft mit Tücken, aber nichts, das einen überraschen würde.

Bergfreundschaft mit Tücken, aber nichts, das einen überraschen würde.

Sehenswert, widerborstig: Sheila Hancock als ausgebüchste Pensionistin.

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  • Raue Landschaft, grummelige Betrachterin. Ein entspannter Film, der bekannte Wege beschreitet. Raue Landschaft, grummelige Betrachterin. Ein entspannter Film, der bekannte Wege beschreitet.
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