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22.02.2019 |  Gunnar Landsgesell

Der verlorene Sohn

Zehntausende homosexuelle Jugendliche gingen in den USA durch die Mühlen der so genannten Conversion Therapy, wo sie von ihrer "Krankheit" geheilt werden sollten. Der Schauspieler Joel Edgerton taucht in das Milieu evangelikaler Familien und ihrer Umtriebe ein, erzählt nach einem wahren Fall.

Kein Gleichnis für die Ewigkeit, aber dennoch vielsagend: In der Conversion Therapy, in die man Jared (Lucas Hedges) steckt, um ihm seine Homosexualität auszutreiben, gibt der Therapeut den jungen Männern (und einer jungen Frau) ein Beispiel: „Es ist wie mit diesem Dollarschein, ich kann ihn zerknüllen, ein Stück davon abreißen, aber er wird immer noch ein Dollarschein sein. So ist das auch mit den Menschen.“ Der durchaus lieblose Vergleich der „Patienten“ mit einem Geldschein erzählt vom Wert, den man den jungen Leuten in dieser Einrichtung zuspricht. Er ist eher gering. „Der verlorene Sohn“ ist ein Projekt mit einem Anliegen. In evangelikalen Kreisen ist man überzeugt davon, dass Homosexualität nicht angeboren, sondern eine moralisch falsche Entscheidung des Einzelnen ist. Mit seinem Film möchte der australische Schauspieler Joel Edgerton, der auch den fanatischen Therapeuten spielt, der Öffentlichkeit näher bringen, was zehntausenden Jugendlichen in den USA angetan wird. In kirchliche Einrichtungen gesteckt, soll ihr Wille gebrochen werden, um sie zu gottesfürchtigen Heteros zu erziehen. Als filmische Vorlage hat Edgerton die Autobiografie Boy Erased: A Memoir von Garrard Conley gewählt, der von seinen Eltern Anfang der 2000er Jahre zu solch einer Conversion Therapy verpflichtet wurde und dabei psychisch an seine Grenzen stieß.

Ein Film mit Agenda 

„Boy Erased“ (der deutsche Synchrontitel mit Anspielung auf das biblische Gleichnis ist ziemlich irreführend) ist ein Film der leisen Töne. Mit dem Shooting Star Lucas Hedges („Lady Bird“, „Ben is Back“) setzt Edgerton auf einen Schauspieler, der durch sein nuanciertes, fast introvertiertes Spiel auffällt. Eine stimmige Wahl, die zur ebenso zurückhaltenden Regie von Edgerton selbst passt. Es sind mehr die Gefühlslagen, die schweren inneren Konflikte und die Spannungen, denen die jungen Männer in dieser Kircheneinrichtung ausgesetzt sind, denen der Film seine Aufmerksamkeit widmet. Und nicht so sehr die Eskalation und Zuspitzung, die man bei so einem Stoff erwarten könnte. Rigide Kontrollen stehen zu Beginn des Films, als Jared (Hedges) beim Eintritt in die Therapie sein Handy, seine persönlichen Gegenstände und sein Tagebuch abgeben muss. Später wird er es mit herausgerissenen Seiten zurückerhalten. Und sich für seine privaten Kontakte rechtfertigen müssen. Wie Edgerton hier inszeniert gleicht einer kühlen Beobachtung, die geschickt die Emotion der Szene kontrastiert. In Passagen wie diesen scheint „Boy Erased“ das Schicksal vieler junger Amerikaner aufgreifen zu wollen, um seine Hauptfigur ganz allgemeingültig an deren Stelle zu setzen. Eher kurios wirkt die Familiengeschichte, in der Russell Crowe als Vater und Nicole Kidman als Mutter ein unfreiwillig ulkiges Paar geben. Crowe spielt einen überwuzelten Baptistenprediger, der die kalte Gewissheit, bei seinem Sohn den Teufel austreiben zu müssen, eher lau vermittelt. Der Ex-Gladiator wirkt wie ein Schatten, lässt einen über die wahren Gefühle seiner Figur ziemlich rätseln. An Crowes Seite Nicole Kidman als wilde Mischung aus schrillem Outfit, Overacting und sittsamer Frau, mit der dann doch eine Prise Komik einsickert. Die Frage, mit welchen Gefühlslagen Eltern ihr Kind in eine Gewalttherapie drängen, bleibt wie so vieles in diesem Elternhaus unausgesprochen. Vom Ansatz ist dennoch erkennbar, wie Edgerton die patriarchale Familie aufbereiten möchte. Ein Vater und Patriarch, hin- und hergerissen zwischen seinem religiösen Fanatismus und dem eigenen Sohn, zwischen Doktrin und Gefühl. Oft entscheidet er sich für das Falsche. Am Ende springt er doch über seinen Schatten, da hat auch Edgerton sein Ziel erreicht, der Öffentlichkeit die Agenda dieses Films vor Augen zu führen.

Schrilles Paar (Kidman, Crowe), das zwischen proletarischem Touch und religiöser Verblendung wandelt, dabei aber nicht ganz greifbar wird.

Schrilles Paar (Kidman, Crowe), das zwischen proletarischem Touch und religiöser Verblendung wandelt, dabei aber nicht ganz greifbar wird.

Regisseur Joel Edgerton hat sich die Rolle des evangelikalen Therapeuten verpasst, der durch psychische Gewalt Homos zu Heteros machen will.

Regisseur Joel Edgerton hat sich die Rolle des evangelikalen Therapeuten verpasst, der durch psychische Gewalt Homos zu Heteros machen will.

Leidensgenossen in einer Einrichtung, deren Wirkungsweisen "Boy Erased" eindrücklich beschreibt. Mittig Lucas Hedges, links (das kanadische Regiewunderkind) Xavier Dolan zu sehen.

Leidensgenossen in einer Einrichtung, deren Wirkungsweisen "Boy Erased" eindrücklich beschreibt. Mittig Lucas Hedges, links (das kanadische Regiewunderkind) Xavier Dolan zu sehen.

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  • Schrilles Paar (Kidman, Crowe), das zwischen proletarischem Touch und religiöser Verblendung wandelt, dabei aber nicht ganz greifbar wird. Schrilles Paar (Kidman, Crowe), das zwischen proletarischem Touch und religiöser Verblendung wandelt, dabei aber nicht ganz greifbar wird.
  • Regisseur Joel Edgerton hat sich die Rolle des evangelikalen Therapeuten verpasst, der durch psychische Gewalt Homos zu Heteros machen will. Regisseur Joel Edgerton hat sich die Rolle des evangelikalen Therapeuten verpasst, der durch psychische Gewalt Homos zu Heteros machen will.
  • Leidensgenossen in einer Einrichtung, deren Wirkungsweisen "Boy Erased" eindrücklich beschreibt. Mittig Lucas Hedges, links (das kanadische Regiewunderkind) Xavier Dolan zu sehen. Leidensgenossen in einer Einrichtung, deren Wirkungsweisen "Boy Erased" eindrücklich beschreibt. Mittig Lucas Hedges, links (das kanadische Regiewunderkind) Xavier Dolan zu sehen.