Nicolas Altstaedt und das Freiburger Barockorchester begeisterten in Dornbirn.
Gunnar Landsgesell · 16. Feb 2012 · Film

Der Ruf der Wale

Eine lokale Rettungsaktion von Walen, die im Eis von Alaska eingeschlossen sind, löst landesweites Medieninteresse aus. Die illustren Helfer, die „Der Ruf der Wale“ am Eisloch versammelt, verfolgen aber vor allem Eigeninteressen. Die Wale sind ihnen eher egal. So entpuppt sich dieser Film weniger als Naturfilm mit human touch sondern als sarkastische Mediensatire.

Schon das Poster – Mensch begegnet Wal – legt eine falsche Fährte. Den großen Meeressäugern kommt in "Der Ruf der Wale" / "Big Miracle" nur die Rolle zu, regelmäßig in einem Eisloch nach Luft zu schnappen. Der Wal erweist sich als Köder für Publikum. Nicht nur im Film, sondern in der Bewerbung des Films selbst. Auch wenn die Erzählung sich auf ein tatsächliches Ereignis im Jahr 1988 bezieht, lässt sich mit der Rettung der Wale wohl mehr Publikum erhoffen als mit einem Dramolette über die Gesetze der Mediengesellschaft.

Ein Eisloch als Gewinnzone

Adam ist ein gelangweilter Reporter eines lokalen TV-Senders in Alaska. Eher lustlos berichtet er in Frühstücksfernsehmanier über völlig belanglose Themen, als er durch einen Inuit-Jungen zufällig auf ein Eisloch stößt, in dem eine Walfamilie, Vater, Mutter, Kind, um Luft ringen. Im Stil menschelnder Stories fabriziert er einen Beitrag für seinen Lokal-Sender und staunt nicht schlecht, als es die Geschichte bis in die nationalen Kabel-Networks des Landes schafft. Der Beitrag über die Wale setzt eine landesweite Rettungsaktion in Gang, in der sich schließlich alle möglichen gesellschaftlichen Player am Eisloch versammelt haben, um „ihren“ Beitrag zu leisten. Selbst der US-Präsident wird irgendwann Stellung nehmen. Schon bald macht dieser Film deutlich, dass hier jeder nur den eigenen Mehrwert sucht und (fast) niemand am Schicksal der Tiere selbst interessiert ist. Gute Voraussetzungen also für eine satirische Betrachtung, in der die Riten gekünstelter Anteilnahme und die kühle Berechnung eigener medialer Präsenz entblößt werden.

Zwischen den Genres

Diese Hoffnung löst das Drehbuch aber nur teilweise ein. Ungewöhnlich ist der sarkastische Grundton, der in den USA weitaus unüblicher ist als in Europa. Mit dem selbst gestellten Auftrag, die Gesellschaft in ihre Partikularinteressen zu zerlegen, werden deren Handlungsträger aber eher zu Handlungsempfängern ihres Autors. So erfüllen alle Figuren brav ihre Rolle: Adam (John Krasinski) ist ein Mann mit Herz, aber auch mit beruflichen Instinkten. Er erkennt die Chance, die in dieser Geschichte für ihn liegt, versucht aber, sich nicht korrumpieren zu lassen. Er ist die vielleicht vollständigste, am Leben erzählte Figur. Anders seine Mitstreiter: der Gouverneur, der Vertreter der Ölindustrie, die Reporterin aus Washington, die zwei findigen Kleinunternehmer aus Minnesota, sie alle teilen die Berechnung, dass in diesem Spiel humanitärer Beweisführung etwas für sie zu holen ist. Nur der etwas chaotischen Umweltaktivistin Rachel, die in Drew Barrymore eine glaubwürdige Verkörperung gefunden hat, gesteht das Buch neben ihren Intentionen auch Empathie zu. So kommt auch das Filmplakat zustande: Drew taucht zu den Walen hinunter und schneidet dem Walkind ein Netz von seiner Flosse. Dieses bedankt sich mit einer freudig gedrehten Runde. Der kleine Exkurs erinnert an eine Disney-Produktion, macht aber zugleich deutlich, dass dort der hier bemühte Zynismus keinen Platz hätte. Den Human-Touch-Appeal, mit dem Adams Beitrag landesweit die Wohnzimmer erobert hat, hält der Film aber erstaunlich in Grenzen. An Mediensatiren wie „Network“ von Sidney Lumet orientiert, reicht „Big Miracle“ freilich nicht heran. Am Ende steht trotz aller Spaltungen das Gemeinsame im Vordergrund. Die USA beschwören sich hier als Gemeinschaft gewissermaßen im Kleinen. Dass sich der ganze Film ziemlich unentschieden ausnimmt, mag an seinen realen Bezügen (rund um eine Greenpeace-Aktion) liegen, er bleibt zwischen den Genres Familienfilm, Öko-Drama und Gesellschaftssatire irgendwie stecken. Dementsprechend ungelenk wirken auch die Figuren, wie deren Dialoge, die ihnen zu einer wohlmeinenden aber letztlich naiven Kritik in den Mund gelegt wurden. Gänzlich ambitionslos erweist sich hingegen der Score, er besteht aus Soundsamples, die wohl vielfach erprobt und dennoch völlig austauschbar klingen. Überraschend ist auch, welch geringe Rolle Regisseur Ken Kwapis der Natur selbst bei diesem Abenteuer in Schnee und Eis zugeordnet hat. Bis auf wenige Bildstandards von Landschaftsaufnahmen (Hubschrauberflug, etc) wirkt „Big Miracle“ wie ein Film, der mehr „über“ als „von“ etwas erzählt. Den Walen ist’s egal, sie bestehen ohnehin aus Plastik.