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24.10.2019 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (25.10. - 31.10. 2019)

Die Kammgarn Hard zeigt diese Woche Michel Hazanavicius' mit fünf Oscars ausgezeichneten Stummfilm "The Artist". Im Skino in Schaan steht dagegen "Nur eine Frau" auf dem Programm, in dem Sherry Hormann packend das Schicksal der türkischstämmigen Deutschen Hatun Aynur Sürücü nachzeichnet, die 2005 in Berlin einem Ehrenmord zum Opfer fiel.

The Artist: In seinem mit fünf Oscars ausgezeichneten schwarzweißen Stummfilm erzählt der Franzose Michel Hazanavicius eine fiktive Kinogeschichte aus der Zeit des Übergangs vom Stummfilm zum Tonfilm und gleichzeitig von zwei gegenläufigen Karrieren.
Mit viel Liebe zum Detail und berauschendem erzählerischen und visuellen Einfallsreichtum erweckt Hazanavicius diese vergangene Zeit des Kinos zum Leben. Lustvoll, aber nie aufdringlich zitiert er aus der Filmgeschichte und verdichtet mit brillanter Montage Handlungsabläufe.
Virtuos arbeitet Hazanavicius auch mit dem Ton. Gerade die Dominanz des Soundtracks macht die wenigen Momente der Stille umso eindringlicher, und wahrhaft beklemmend ist ein Alptraum vom Einbruch des Tons, in dem all das, was man sonst in diesem Film nicht hört, vom Geräusch eines umkippenden Glases bis zum Straßenlärm plötzlich präsent ist.
Nichts ist hier dem Zufall überlassen, genau gewählt ist das Datum der parallelen Erstaufführungen des ersten Tonfilms des jungen Stars und des vom alternden Stummfilmstar selbst produziertem und inszeniertem Abenteuerfilm: Am 25. Oktober 1929 bricht eben nicht nur seine Karriere ein, versinkt nicht nur er im Film im Treibsand und deutet „The End“ nicht nur sein Ende an, sondern auch die Weltwirtschaft erlebt an diesem Tag den „Schwarzen Freitag“.
Kammgarn Hard: Mi 30.10., 20.30 Uhr

 

Nur eine Frau: Am 7. Februar 2005 wurde die türkischstämmige Deutsche Hatun Aynur Sürücü in Berlin auf offener Straße von ihrem jüngeren Bruder ermordet. Sherry Hormann zeichnet in ihrem Spielfilm nach, wie es zu diesem Aufsehen erregenden Ehrenmord kam.
Mit Zeitinserts spannt Hormann den Bogen von 1998 bis zum Tod Aynurs und darüber hinaus bis zum Gerichtsprozess. Von Anfang an ergreift sie Partei für ihre Protagonistin. Der Titel kann dabei einerseits darauf verweisen, dass es nach islamischer Vorstellung eben „nur um eine Frau“ geht, andererseits aber auch darauf, dass hier am Beispiel „nur einer Frau“ exemplarisch vom Schicksal vieler türkischer Frauen erzählt wird.
Ganz aus der Perspektive des Opfers erzählt Hormann, erzeugt damit nicht nur ein hohes Maß an Identifikation, sondern kann auch Ereignisse raffen oder ihre Protagonistin das Geschehen kommentieren lassen.
Hoch wird damit das Erzähltempo gehalten, kraftvoll und dynamisch wird die Handlung vorangetrieben. Unmöglich ist es freilich in der gedrängten Handlungsfülle alles differenzierter auszuformulieren. Holzschnittartig und sehr vereinfacht bleibt bei diesem Drama, das auch durch den Einsatz von Archivmaterial und nachgestellten, farblich abgehobenen Fotos Nachdruck entwickelt, die Schilderung der Machtverhältnisse in Aynurs Familie.
Trotz kleiner Schwächen gelang Hormann somit insgesamt nicht nur die packende Nachzeichnung eines Frauenschicksals, sondern auch eine entschiedene Abrechnung mit einer brutalen Männerherrschaft und ein eindringliches und bewegendes Plädoyer gegen Unterdrückung und für die Freiheit der Frau.
Skino Schaan: Do 31.10., 18 Uhr

Weitere Filmkritiken, Festivalberichte, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.

The Artist

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Nur eine Frau

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