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23.01.2020 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (24.1. - 30.1. 2020)

Der Spielboden Dornbirn zeigt diese Woche im Rahmen der Animadok-Filmreihe nochmals Anja Kofmels starkes Langfilmdebüt „Chris the Swiss“. Das TaSKino Feldkirch präsentiert dagegen mit „Fahim – Das Wunder von Marseille“ ein Feelgood-Movie über ein achtjähriges Schachgenie aus Bangladesch, das mit seinem Vater in Frankreich um Asyl ansucht.

Fahim – Das Wunder von Marseille: Das achtjährige Schachgenie Fahim flieht mit seinem Vater aus Bangladesch nach Frankreich, wo der Junge in einen Schachclub aufgenommen und von einem bärbeißigen alten Schachlehrer (Gerard Depardieu) trainiert wird. Gleichzeitig droht aber auch immer die Abschiebung von Fahims Vater.
Empathisch blickt Pierre-François Martin-Laval in seinem auf einem realen Fall beruhenden Feelgood-Movie auf seine Protagonisten, fokussiert weniger auf unmenschliche Abschiebepraktiken, sondern interessiert sich vor allem für die Integration Fahims und zeigt, wie diese Frankreich bereichern kann. Dazu erinnert er auch an die französische Geschichte als Immigrationsland, wenn der Schachlehrer den Chef des Schachverbands, der sich ablehnend gegenüber dem Asylanten Fahim verhält, daran erinnert, dass auch er die jetzige Position nur besetzen kann, weil einst seine italienische Familie von Frankreich aufgenommen wurde. Explizit wird auch angesprochen, dass Frankreich sich nicht nur an die Proklamation der Menschenrechte während der Französischen Revolution erinnern, sondern diese auch heute leben soll.
Vorhersehbar ist zwar die Schachkarriere Fahims mit ersten Erfolgen, einer Niederlage und einem großen Finale bei den französischen Meisterschaften in Marseille, doch angesichts der sympathischen Figuren und Matin-Lavals warmherzigem Blick sieht man leicht über diese Schwäche hinweg. Immer trifft der 51-jährige Schauspieler und Regisseur nämlich den richtigen Ton und bietet eine sichere Mischung aus Ernst und Humor.
Auf einem anderen Blatt steht dabei freilich, dass Asylanten ohne solch herausragende Fähigkeiten wie Fahim der Abschiebung vielfach nicht entkommen. – An der Menschlichkeit dieses Feelgood-Movies und dem ehrlichen und überzeugenden Plädoyer für ein Miteinander und für Mitgefühl mit den Schwachen ändert das aber nichts.
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Fr 24.1. – Mi 29.1.

Chris the Swiss: Anja Kofmel spürt in ihrem Langfilmdebüt in einer Mischung aus Animationsfilm und Interviews den Spuren des von ihr bewunderten Cousins Christian nach, der 1992 im jugoslawischen Bürgerkrieg ums Leben kam. Am Beginn stehen schwarzweiße Animationsszenen von einem Mädchen in einem Kornfeld und einem übergroßen Mann, zu denen sich die Regisseurin im Voice-over an die Nachricht vom Tod ihres Cousins erinnert und zur Spurensuche motiviert. Bilder von Kofmels Reise nach Kroatien, Interviews mit Christians Eltern, seinem Bruder und Kriegsberichterstattern, denen der junge Schweizer damals in Kroatien begegnet ist, verbindet Kofmel mit TV-Bildern von den damaligen kriegerischen Auseinandersetzungen und animierten Szenen, in denen sie sich aufgrund von Chris' Tagebuchaufzeichnungen vorstellt, was damals passiert sein könnte.
Etwas viel packt Kofmel zwar in ihren formal schillernden Dokumentarfilm, wenn sie auch kurz die Geschichte Jugoslawiens seit dem Attentat von Sarajewo 1914 skizziert, den Zerfall des Ostblocks und auch die Rolle des Opus Dei anspricht, das paramilitärische Gruppen in Kroatien als östlichster Grenze des Christentums finanziell unterstützte. Andererseits gewinnt "Chris the Swiss" aber gerade dadurch eine packende Vielschichtigkeit.
Kofmel zeichnet ihren Cousin nämlich keinesfalls als Heiligen, sondern deckt im Zuge ihrer Recherche verstörende Risse und Veränderungen in dessen Charakter auf und macht sichtbar, wie leicht der dünne Firnis der Zivilisation in einem Krieg zerbricht. So konkret die geschilderten historischen Ereignisse dabei sind, so allgemeingültig ist "Chris the Swiss" in seiner Auseinandersetzung mit der Barbarei des Krieges, die den Menschen seine moralische Orientierung verlieren lässt und pervertiert.
Spielboden Dornbirn: Do 30.1., 19.30 Uhr

Weitere Filmkritiken, Festivalberichte, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.

 

Fahim – Das Wunder von Marseille

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Chris the Swiss

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