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01.04.2021 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (2.4. - 8.4. 2021)

Die LeinwandLounge in Bludenz startet nach der Corona-Pause mit der leichthändigen Komödie "Auf der Couch in Tunis" ins Frühjahrsprogramm. Beim TaSKino Feldkirch steht noch zweimal Julia von Heinz´ packender Spielfilm "Und morgen die ganze Welt" auf dem Programm.

Auf der Couch in Tunis: Mit zehn Jahren hat Selma mit ihrem Vater ihre Heimat Tunesien verlassen und sich in Paris niedergelassen. Nun kehrt sie als Psychoanalytikerin in das Land zurück, das scheinbar alle am liebsten möglichst schnell in Richtung Frankreich verlassen wollen.
Gute Berufschancen verspricht sich Selma (Golshifteh Farahani) hier, gibt es doch in Tunesien ganz im Gegensatz zu Paris nur wenige Psychoanalytiker.
Mit flottem Chanson, kräftigen Farben und warmem Licht stimmt schon der Vorspann auf einen lockeren Sommerfilm ein. Erst gegen Ende werden die Töne mit sanftem Jazz auch melancholischer und auch Selma selbst, in deren Biographie man beiläufig in Gesprächen Einblick bekommt, wird dann über ihre Identität reflektieren müssen. - Bis es dazu kommt, stehen aber die Therapiesitzungen und alltägliche Probleme im Zentrum.
Mit leichter Hand verbindet die 1982 als Tochter tunesischer Einwanderer in Frankreich geborene Manele Labidi in ihrem Debüt eine Fülle von Figuren und Problemen. Ausgelotet wird dabei freilich wenig, aber ein breites Panorama wird gezeichnet, das den Eindruck zurücklässt, dass ganz Tunesien reif für eine psychoanalytische Sitzung ist.
Zusammengehalten wird dieser bunte Reigen, der mehr von locker dahingetupften Episoden als von stringenter Handlungsführung lebt, von der großartigen Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani. Sie vermittelt den Glauben Selmas an einen Neustart ebenso überzeugend wie ihre langsame Enttäuschung, macht ihre Zerrissenheit zwischen den Kulturen, die langsam durchbricht, spürbar und darf am Ende in dieser frischen und unverkrampften Komödie von einem Happy End zumindest träumen.
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 7.4., 18 Uhr

Und morgen die ganze Welt: An der Geschichte Luisas (Mala Emde), die im ersten Semester in Mannheim Jus studiert, wirft Julia von Heinz in ihrem von eigenen Erfahrungen beeinflussten Spielfilm die Frage auf, wie weit der Widerstand gegen Rechtsradikalismus gehen darf. Mit hautnah geführter Handkamera (Daniela Knapp) und schnellem Schnitt versetzt sie den Zuschauer mitten ins Geschehen. Mit Luisa taucht man in die linke Mannheimer Kommune, in die die aus großbürgerlichem Elternhaus stammende Studentin eintritt, und die antifaschistische Bewegung ein. In der detailreichen und atmosphärisch dichten Schilderung des Milieus spürt man, dass Julia von Heinz genau weiß, wovon sie erzählt.
Die Konstruktion der Figurenkonstellation ist zwar nicht zu übersehen und nicht frei von Didaktik sind auch die eingeschobenen Jus-Vorlesungen, bei denen über den Artikel 20 des Grundgesetzes diskutiert wird. Hinnehmen muss man auch, dass dieser Mix aus Drama und Politthriller letztlich nicht über die packende Bebilderung der Geschichte hinauskommt. Dies lässt sich aber ebenso verschmerzen, wie der Umstand, dass die rechte Szene, die unübersehbar der AfD nachgebildet ist, eine gesichtslose Masse bleibt und auch die Mitglieder der Antifa außer den Protagonist*innen kein Profil gewinnen. Der Dringlichkeit und dem Engagement dieses Films tun diese Defizite aber kaum einen Abbruch.
Wie hier die hochbrisante Frage nach Möglichkeiten des Widerstands gegen antidemokratische, fremdenfeindliche Strömungen diskutiert wird, packt nämlich nicht nur, sondern zwingt den Zuschauer durch Verzicht auf Antworten auch, sich selbst dieser Frage zu stellen und eine Antwort zu suchen. – Dass Julia von Heinz diese brennend aktuelle Frage nicht in Form einer trockenen Abhandlung, sondern in einem dank der dynamischen Inszenierung und der physisch sehr präsenten Mala Emde ("303") mitreißenden Kinostück verhandelt, ist dabei nicht die kleinste Stärke dieses Films.
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Sa 3.4., 18 Uhr; Mo 5.4., 17.45 Uhr

Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.

Auf der Couch in Tunis

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Und morgen die ganze Welt

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