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14.01.2020 |  Gunnar Landsgesell

1917

Eigentlich wollte Sam Mendes ("American Beauty", "Jarhead", "James Bond") vom Krieg erzählen, wie man ihn noch nicht erlebt hat. Die ästhetische Prämisse dazu: Der Film wurde in einer einzigen Einstellung gedreht. Doch irgendwann verwandelt sich das Erster-Weltkrieg-Drama zu einer Art Gamer-Film, dessen Erkenntnis einzig die Grausamkeit des Krieges zu sein scheint.

Es gibt Kriegsfilme und Anti-Kriegsfilme, die Trennung ist fragwürdig, aber ohne Helden kommt keiner dieser Filme aus. So liegt es im Auge des Betrachters, wer diese Bezeichnung verdient. In Stanley Kubricks kanonischem Werk „Wege zum Ruhm“ ist es zum Beispiel Kirk Douglas, im Zivilberuf Anwalt, der als Colonel Dax die Rettung unschuldiger Soldaten im Ersten Weltkrieg erwirken will. Ein Film zwischen Humanismus und pervertierter Herrschaft. Bei Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“ sind es die Männer vom Minenräumdienst, deren Drecksarbeit sie zu Helden macht. Bei all diesen Filmen gibt eine große Spannbreite an Themen, die von der Kritik an der Gewissenlosigkeit der Generäle über die Sinnlosigkeit des Krieges an sich bis zur Opferbereitschaft für hehre Ziele reicht. „1917“ von Regisseur Sam Mendes passt nirgendwo so richtig hinein. Tatsächlich hat dieses Projekt den Anspruch, „anders“ zu sein und auf eigentümliche Weise stimmt das auch: Es geht um zwei junge britische Soldaten, die an der Front im Ersten Weltkrieg auf ein Himmelfahrtskommando geschickt werden. Ein Kommandant schickt die beiden los, um eine Kompanie vor einem Angriff zu warnen, der sie vernichten würde. Man sagt ihnen, der Tagesmarsch dorthin sei ungefährlich, die Deutschen hätten das Schlachtfeld bereits geräumt. Natürlich kommt es dann anders. Das Drehbuch bürdet den beiden Freunden Blake (Dean-Charles Chapman von “Game of Thrones”) und Schofield (George MacKay) eine zusätzliche Bürde auf: Der Bruder von Blake befindet sich in dieser Kompanie, Befehlsverweigerung unmöglich.

Zunehmend ziellos 

Und auch „1917“ hat eine Bürde, die man sich selbst auferlegt hat. Mendes wollte den gesamten Film in einer Einstellung drehen, Sokurows „Russian Ark“ oder Hitchcocks „The Rope“ lassen grüßen. Der Gedanke dahinter ist wohl, ein Gefühl für Zeit und Ort zu verdichten. Im Schützengraben funktioniert das noch recht gut, regelrecht körperlich drängt man sich, den beiden Soldaten folgend, durch die endlosen Reihen müder, heruntergekommener Soldaten zwischen schmutzigen Sandsäcken und nackter Erde. Fast hofft man, das Geschehen würde sich nur auf diesen bedrückenden, klaustrophobischen Ort konzentrieren. Zu einem stärkeren Gefühl, wie es sich in den Eingeweiden des Krieges anfühlt, findet der Film nachher nie wieder. So geht es hinaus in düstere, aufgerissene Landschaften, wo man mit den zwei Soldaten mal über Leichen und mal durch Bombenkrater stolpert, ohne dabei je den Blickkontakt zu ihnen zu verlieren. Irgendwann fällt es auch nicht mehr ins Gewicht, dass es keine Schnitte gibt. Was einem hingegen schon auffällt, ist, dass die Kamera (Roger Deakins) sich nach und nach selbstständig macht. Einmal dreht sie eine Pirouette um die beiden, was einem sowohl als Begleiter wie auch in den Wirren des Krieges seltsam vorkommt. Ein andermal erhebt sie sich mithilfe einer Drohne und holt das Publikum in einen netten Panoramablick, während man sich unten am Boden abrackert. Zunehmend verliert auch die Handlung an Bodenhaftung. Im Zuge der Sprengfallen, Flugzeugabstürze und Heckenschützen wartet man schon auf die nächste Sensation und wähnt sich zunehmend in einem Abenteuer- oder Gamerfilm. Historizität gerät in den Hintergrund, der Fokus der Kriegserfahrung franst immer mehr aus. Begleitet wird das Stationen-Drama von einem Score, der Szenen nicht akzentuiert, sondern diese akustisch umklammert. Auch der Zuseher kann sich daraus bald nicht mehr befreien. Wenn die Idee war, mit einer nahtlosen Dramaturgie und Echtzeitimpression einen neuen, unverstellten Blick auf den Krieg werfen zu können, dann war dafür recht viel an konzeptioneller Vorarbeit nötig. Das merkt man „1917“ an, denn tatsächlich folgt der Krieg keinen kunstvoll gestalteten Abläufen, wie man sie etwa aus dem Theater kennt. So bleibt am Ende die einzige Erkenntnis, dass der Krieg niemand verschont.

Starker Beginn und Klaustrophobie ohne Ende. Im Schützengraben ist man noch ganz nahe an der Ursprungsidee dieses Films.

Starker Beginn und Klaustrophobie ohne Ende. Im Schützengraben ist man noch ganz nahe an der Ursprungsidee dieses Films.

Dann lösen sich die Fronten auf ...

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... und der Krieg franst mehrfach in Sensationen, in Traumbilder und surreale Szenerien aus.

... und der Krieg franst mehrfach in Sensationen, in Traumbilder und surreale Szenerien aus.

Dean-Charles Chapman als einer der beiden Jungmänner auf Rettungsmission.

Dean-Charles Chapman als einer der beiden Jungmänner auf Rettungsmission.

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  • Starker Beginn und Klaustrophobie ohne Ende. Im Schützengraben ist man noch ganz nahe an der Ursprungsidee dieses Films. Starker Beginn und Klaustrophobie ohne Ende. Im Schützengraben ist man noch ganz nahe an der Ursprungsidee dieses Films.
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