Bruno Kreisky (Nils Arztmann) schiebt sein Rad durch den Wiener Arbeiterbezirk. (Foto: Dor Film/Petro Domenigg)
Peter Füssl · 10. Apr 2012 · CD-Tipp

Vijay Iyer Trio: accelerando

Der indischstämmige New Yorker Vijay Iyer ist möglicherweise eines der letzten Universalgenies. Obwohl Autodidakt wird er längst mit Preisen überhäuft und als „einer der wichtigsten Pianisten der Gegenwart“ („The New Yorker“) bezeichnet, hat aber auch einen Bachelor in Mathematik, einen Master in Physik und einen interdisziplinären Doktortitel in Technologie und Geisteswissenschaften vorzuweisen. Er ist Hochschullehrer unter anderem an der New York University, wurde vom amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Seed“ zu einem von neun „Revolutionary Minds“ gewählt und von der indischen Ausgabe des Männer-Lifestyle-Magazines „GQ“ unter den „50 einflussreichsten Indern der Welt“ aufgelistet. Vijay Iyers musikalische Überlegungen fußen auf einem komplexen Gedankengebäude, dennoch bietet „accelerando“ eine Stunde lang ein von keinerlei theoretischem Überbau eingeschränktes musikalisches Vergnügen.

Im Trio mit Bassist Stephan Crump und Drummer Marcus Gilmor hat Iyer das mit höchsten Lorbeeren bedachte, Grammy-nominierte, 2009 erschienene Album „Historicity“ zwei Jahre lang auf ausgiebigen Tourneen präsentiert – jede Menge Zeit also, um das ohnehin schon extrem hohe Level des Zusammenspiels noch zu steigern und als kongeniales Kollektiv noch deutlichere Konturen zu gewinnen. „Accelerando“ ist, wie der Name schon andeutet, ein sehr stark von raffinierten Rhythmen dominiertes, druckvoll vorantreibendes Konglomerat an kreativen Ausbrüchen und originellen Ideen. Als Ausgangspunkte für die musikalischen Entdeckungsreisen dienen nicht nur Eigenkompositionen, sondern auch mehr oder weniger Bekanntes aus so unterschiedlichen Quellen wie Herbie Nichols, Duke Ellington, Michael Jackson oder der 70er Jahre-Funkband „Heatwave“. Dabei wächst der Spaß hörbar an der Größe der Herausforderung, etwa wenn Henry Threadgills ursprünglich für zwei Tubas, zwei Gitarren und ein Waldhorn komponiertes „Little Pocket Size Demons“ in einer unglaublich spannungsgeladenen Piano-Bass-Schlagzeug-Version auf einer völlig anderen Ebene neu interpretiert wird. Wie alles was Iyer bislang vorgelegt hat, ist auch „accelerando“ ein völlig unkonventionelles, mitunter auch etwas sperriges Album für musikalische Feinspitze, das stets vor musikalischen Ideen sprüht und von einer unglaublich mitreißenden Energie getragen wird. Da braucht man kein großer Prophet zu sein, um den nächsten Karrieresprung des erfolgsverwöhnten Vijay Iyer vorherzusagen.
(ACT/ Vertrieb: www.rottensteiner-pr.at)