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17.12.2019 |  Peter Füssl

Sudan Archives: Athena

Auf dem Cover ist ein Abbild der mit 3D-Technik gescannten und in Bronze gegossenen Figur der Künstlerin als Athene zu sehen, der griechischen Göttin der Weisheit, der Kunst und des Kampfes. Sie liebe kämpferische Göttinnen und Frauenfiguren erklärt die 25-jährige Brittney Denise Parks – um gleich auch auf zwei Unterschiede zu den klassischen Athene-Statuen hinzuweisen: Sie ist nackt und auf der Hand balanciert sie eine Geige. Ersteres kann man als Hinweis auf ihren schonungslos unverblümten Zugang zu den Realitäten, mit denen eine schwarze Frau in den USA konfrontiert ist, deuten. Und Letztere betrachtet sie nicht nur als Musikinstrument, um das sich für sie alles dreht, sondern auch als ihre „Waffe“: „Sie ist fast wie eine Erweiterung meines Körpers“.

Zur Geige hatte die in Cincinatti/Ohio Aufgewachsene schon mit neun Jahren einen eigenwilligen, weil autodidaktischen Zugang gefunden. Die strengreligiöse Familie konnte sich keinen Geigenlehrer leisten, also zupfte, hämmerte, schlug und strich sie so lange auf dem Instrument herum, bis es für sie nach etwas klang – gefiedelt wurde vorwiegend in der Kirche, weil sie im konventionellen Schulorchester alle verrückt machte. Via Internet recherchierte Parks wie ein Besessene zur Geschichte der Geige, vorwiegend zu jener im afrikanischen Kontext. Ihre musikethnologischen Interessen brachten ihr, die ihren „weißen“ Namen ohnehin nie mochte, den von allen Verwandten und Freunden verwendeten Nickname Sudan Archives ein. Aus diesen biographischen Quellen speist sich nun auch die Musik, die nach zwei Aufsehen erregenden EPs auf ihrem Debütalbum zu hören ist: Soul, Gospel, Funk, afrikanische Rhythmen und Streichertraditionen, Loops, Samples, Afro-Trip-Hop und Hip-Hop-Elemente werden von Sudan Archives auf ihre eigenwillige Art zu einer mal verträumt klingenden, mal mitreißenden, hypnotisierend wirkenden Neo-R’n’B-Pop-Melange verarbeitet. Sie hat ein untrügliches Gespür für starke Melodien und fesselnde Rhythmen, aber auch für die richtige Dosis an Experimentellem. Obwohl Parks mittlerweile ein Musikstudium hinter sich brachte, hat sie sich ihren anarchischen Geist bewahrt, etwa wenn es um Songstrukturen geht. Oder die Art und Weise, wie sie ihre Geigentöne durch die Elektronik jagt, welche ihr nach eigenem Bekunden ein ganzes Orchester ersetzt und deren Möglichkeiten sie, mittlerweile in der hippen Szene von Los Angeles lebend, mit Hilfe einschlägig bekannter Produzenten einfallsreich auslotet. Thematisch geht es ebenfalls viel um Autobiographisches, um Liebe und Liebesfrust, aber auch um Religion, Ambivalenz, Identität, Rassismus, Ausgrenzung, existenzielle Bedrohung und Selbstermächtigung. „There is a place that I call home / But it’s not where I am welcome” lautet eine zentrale Textstelle. Magisches und Afrofuturistisches sind ihr auch nicht fremd: Irgendwie glaube sie, vor unendlich vielen Jahren als nubische Prinzessin geboren worden zu sein, um die Welt zu regieren, erzählt Sudan Archives. Jetzt ist sie als Athene mit „Athena“ auf dem Weg in den Pop-Olymp. Auch nicht schlecht!

(Stones Throw Records)

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