Die Schubertiade Schwarzenberg hat dem Bregenzerwald enorm viel touristisches Entwicklungspotenzial geboten. (Foto: Dominic Kummer / Bregenzerwald Tourismus)
Peter Füssl · 11. Apr 2022 · CD-Tipp

Shake Stew: Heat

Angesichts des aufregenden musikalischen Outputs dieser 2016 vom Bassisten Lukas Kranzelbinder gegründeten österreichischen Formation, die längst die international wichtigen Clubs, bedeutsamen Festivals und einflussreichsten Feuilleton-Seiten erobert hat, kann man den Titel „Heat“ für das mittlerweile fünfte Album gleich auch als passenden kleinsten Nenner für das Gesamtkonzept unterschreiben. Zwar bläst nun Astrid Wiesinger statt Clemens Salesny das Altsaxophon, an der grundsätzlichen Ausrichtung des mit zwei Bassisten (Kranzelbinder, Oliver Potratz), zwei Drummern (Niki Dolp, Herbert Pirkner), zwei Saxophonisten (Wiesinger, Johannes Schleiermacher) und dem Trompeter Mario Rom schon vom Formalen her außergewöhnlich besetzten Ensemble hat sich aber nichts verändert.

Die zehn bis zu 12 Minuten langen, oft noch mit Intros oder Outros kombinierten Kranzelbinder-Kompositionen erscheinen trotz komplexer Strukturen und liebevoll konzipierter sowie aufwändig ineinander verwobener Details verblüffend eingängig. Klarerweise kann und will man sich dem reißenden Strom der High-Energy-Passagen nicht entziehen, es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Intensität das Septett zur Sache gehen kann, welcher Druck sich mit spielerischer Leichtigkeit und größtem Vergnügen aufbauen lässt. Hier werden farbenreiche rhythmische Orgien abgefeiert, die den Bläsern zugleich die ideale Basis für ihre ausdrucksstarken Soli, spannenden Dialoge oder komplexen Überlagerungen liefern. Das Hochenergetische gewinnt seine besondere Brisanz aber aus dem reizvollen Kontrast zum feinsinnig Zurückhaltenden, etwa dem wundervoll warmen Bläsersatz, der den Opener „Unmight“ einleitet, oder dem Zwiegespräch von Bass und Altsax zu Beginn von „I Wear My Heart On The Outside“, in das sich auch noch ungemein stilvoll die Trompete eingliedert. Aber auch an der ohnehin schon breiten Soundpalette wird immer noch gefeilt. So stellen die beiden Drummer im Intro zum Titelstück in einem Dialog erstmals ihre Log Drums (westafrikanische Schlitztrommeln) vor, die dann das folgende „Heat“ gnadenlos befeuern. Zur Afro-Atmosphäre perfekt passend, wechselt Kranzelbinder hier vom Bass zur marokkanischen Basslaute Guembri, die für ihn spätestens seit dem vor drei Jahren erschienenen Album „Gris Gris“ zum unverzichtbaren Zweitinstrument geworden ist. Darauf folgt der Ruhepol des Albums, „Lucidity“, der unterschwellig durchaus spannungsgeladene, 12-minütige Psychdelic-Trip durch obertonreiche Klangwelten, ehe das musikalische Geschehen mit dem an den äthiopischen Tezeta-Sound angelehnten „Wake Up And Be Gone“ wieder an Fahrt aufnimmt. Das ebenfalls 12-minütige Finale „Oh Captain, My Captain!“ durchläuft schließlich, in sich stetig steigernder Intensität das ganze Spektrum des musikalisch aufregenden Shake Stew-Kosmos – inklusive orgiastischem Altsax-Solo Astrid Wiesingers, das die ganze Band zu einem enthemmten „Joe Cocker-Woodstock-Moment“ (so Kranzelbinder) führt. Alle Tracks wurden im April 2021 von der gesamten Band innerhalb von fünf Tagen im Cicaleto Studio in der Toskana eingespielt, in einer Art pandemischer Verschnaufpause nach langer künstlerischer Isolation und Bühnenabstinez, was die Intensität, Energie und Spielfreude natürlich ganz besonders befeuerte.

(Traumton)