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14.04.2020 |  Peter Füssl

Shabaka And The Ancestors: We Are Sent Here By History

Der Saxophonist/Klarinettist Shabaka Hutchins ist das kreative und äußerst produktive Epizentrum der seit einigen Jahren weltweit gehypten Londoner Jazz-Szene. Mit drei Bandprojekten hat er das traditionsreiche und prestigeträchtige, aber in den vergangenen Jahrzehnten in Bedeutungslosigkeit versunkene, amerikanische Impulse!-Label wieder ins Rampenlicht der zeitgenössischen Jazz-Szene katapultiert, wobei es ihm immer auch um gesellschaftspolitische Anliegen geht.

„Your Queen Is A Reptile“, das letztjährige Album seines afro-karibischen Jazz-Rock-Quartetts Sons Of Kemet, führt die gesellschaftspolitische Revolte gegen die britische Monarchin schon im Titel, und mit dem Electronic-Space-Jazz-Trio The Comet Is Coming machte er sich unter anderem mit Unterstützung der Sprachartistin Kate Tempest auf die wildwuchernde und kompromisslose Suche nach neuen Realitäten und Bewusstseinsebenen. Und nun eben Shabaka And The Ancestors, sein Projekt mit sieben jungen südafrikanischen Musikern, das auf sein 2015-er Debüt „Wisdom of Elders“ nun auf dem neuen Label „We Are Sent Here By History“ nachlegt und ideologisch möglicherweise die radikalsten Positionen vertritt. Hutchings sieht es als Faktum, dass die Menschheit dank jahrhundertelangem, skrupellosem westlichem Expansionismus, kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen, dem kolonialistischen Beharren auf weißer Vorherrschaft und längst überkommener Männlichkeitsbilder als Spezies vor der Auslöschung steht: „In Zeiten wie diesen, in denen wir den Zusammenbruch vieler Institutionen erleben, von denen wir immer annahmen, dass sie noch sehr lange Bestand haben würden, müssen wir anfangen neu zu überdenken, was es bedeutet, am Leben zu sein, was es bedeutet, zu helfen, was man eigentlich unter Fortschritt verstehen soll.“ Die dazu passenden Texte lässt er den südafrikanischen Dichter und Vokalisten Siyabonga Mthembu deklamieren oder singen, der einem modernen Griot gleich die Geschichten und Botschaften unters Volk bringen soll. Das geeignete musikalische Transportmittel dafür ist eine oftmals düster brodelnde, zumeist jam-artig wirkende, allen Beteiligten viel Spielraum für freie Improvisationen lassende Mischung aus zeitgenössischem spirituellem Space-Jazz im Gefolge Sun Ras, Township Music, Nguni-Musik, und karibischem Calypso – manchmal meditativ oder hymnisch, besonders spannend wird es naturgemäß aber immer dann, wenn Hutchins und sein Kollege Mthunzi Mvubu am Alto ihre ekstatischen Saxophoneruptionen über einen polyrhythmischen Hexenkessel legen. Ungezügelte zeitgemäße Jazz-Mixturen als Transportmittel des Aufbegehrens, der Revolte, philosophischer Konzepte und futuristischer Gedankenexperimente – wer hätte je gedacht, dass das nochmals möglich wird?    

(Impulse!/Universal)

Konzerttipps: Shabaka And The Ancestors spielen am 1. Mai im Moods in Zürich und am 13. Mai im Porgy & Bess in Wien.

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