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02.11.2020 |  Peter Füssl

Rymden: Space Sailors

Eine großartige Erfolgsgeschichte, besonders wenn sie tragisch geendet hat, kann wie eine Hypothek auf Musikern lasten. Das Esbjörn Svensson Trio, unter dem Kürzel e.s.t. mit seinem exzellenten Mix aus Pop-, Rock- Jazz- und Clubmusik-Elementen in die Jazz-Geschichte eingegangen, fand nach fünfzehn überaus erfolgreichen Jahren 2008 ein jähes Ende durch den tragischen Tod des namensgebenden Pianisten bei einem Tauchunfall. Bassist Dan Berglund und Drummer Magnus Öström gründeten in der Folge durchaus interessante eigene Bands und beteiligten sich an Projekten anderer Musiker, ein neues Piano-Trio mit den beiden konnte man sich aber nur schwer vorstellen, weil zu befürchten war, der Schatten Svenssons würde stets überlebensgroß im Hintergrund stehen. Vor zwei Jahren wagten die beiden Schweden diesen risikoreichen Schritt gemeinsam mit Bugge Wesseltoft, einer der Zentralgestalten der gleichermaßen experimentierfreudigen wie einflussreich agierenden zeitgenössischen Musikszene Norwegens.

Wesseltoft hatte mit seinem Projekt „New Conception of Jazz“ Ende der 1990-er Jahre in ähnlichen musikalischen Tümpeln gefischt wie e.s.t., kann sich also sehr gut in die Erfahrungswelten Berglunds und Öströms einfühlen, verfügt aber auch über ein schier überbordendes Maß an Kreativität, Experimentierlust und Eigenständigkeit, was jegliche Vergleiche mit Esbjörn Svensson rasch einmal obsolet erscheinen lässt. War der letztes Jahr erschienene Rymden-Erstling „Reflections and Odysseys“ schon vielversprechend, so hat das Trio nun mit „Space Sailors“ ein exzellentes Nachfolgewerk vorgelegt. Die 70 erfolgreichen Konzerte, die zwischen diesen beiden Alben liegen, machen sich vor allem im nunmehr ausgefeilteren, in sich stimmigen Gruppen-Sound bemerkbar, im locker-virtuosen Handling von Stilmixen und im effektvollen Wechsel zwischen akustischen und elektronischen Elementen. Die musikalischen Forschungsreisen im Weltraum, zu denen alle Akteure gleichermaßen Kompositionen beitragen, fallen ausgesprochen abwechslungsreich aus: Mal hauen Öström und Berglund lässig tonnenschwere Rhythmen heraus, die auch einer Hardrock-Band gut anstehen würden, etwa beim dem legendären „James Bond“-Bösewicht Hugo Drax gewidmeten Opener oder bei „The Final Goodbye“. Der Titelsong kombiniert einen gnadenlos vorantreibenden Rhythmus mit einer Art Tingeltangel-Zirkusmelodie. „Arriving at Ramajay“ startet in den ersten eineinhalb Minuten mit klassischen Piano-Tönen, um sich dann siebeneinhalb Minuten lang zu einer auf elektronischen Tasteninstrumenten generierten Prog-Rock-Orgie zu entwickeln – Wesseltoft wechselt vom Flügel häufig auf Moog-Synthesizer, Fender Rhodes und Celesta. Mal schweben die Drei schwerelos, aber durchaus clubtauglich durch Zeit und Raum und weben psychedelisch bunte Klanggewebe, dann kapern sie dramatisch groovend als interstellare Freibeuter vorbeigondelnde Krautrock-Satelliten, passieren erst lässig, dann vertrackt pulsierend den „Terminal One“, oder verzaubern mit der wunderschönen, glasklaren, mit gestrichenem Bass verzierten Pianoballade „My Life Is A Mirror“. Diese Musik besticht durch Leichtigkeit und Schwere (wo es sie braucht), durch Witz und Ernsthaftigkeit, Einfaches und simpel erscheinendes Kompliziertes. Dieses Trio hat – bei aller Vergangenheit – Zukunft!

(Jazzland Recordings)

Konzert-Tipp: Rymden gastiert am 12.11. im Porgy & Bess in Wien. Aus Vorarlberger Sicht böten sich höchstens das Volkshaus Basel (9.11.) oder Schloss Elmau (19.11.) an. Aber angesichts der Corona-Reisebeschränkungen tröstet man sich wohl besser mit einem Tonträger.

 

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