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29.11.2018 |  Peter Füssl

Rosalía: El Mal Querer

Die 25-jährige katalanische Sängerin, Musikerin, Schauspielerin und Produzentin Rosalía (mit vollem Namen Rosalía Vila Tobella) ist gerade auf dem besten Weg, mit ihrem zweiten Album „El Mal Querer“ nicht nur die Latin-, sondern auch die Pop-Welt zu erobern. Mit gut 30 Minuten Spieldauer mag das vielleicht der kürzeste Longplayer des Jahres sein, der intensivste ist es auf jeden Fall.

Denn Rosalía liefert mit den elf Songs dieses Konzeptalbums, die zugleich Kapitel einer auf einem okzitanischen Roman aus dem 13. Jahrhundert basierenden tragischen Geschichte um eine „verdorbene Liebe“ sind, ganz großes Drama, ein wahres Feuerwerk an Emotionen, das unter die Haut geht. Mit ihrer höchst wandlungsfähigen, durchdringenden, extrem ausdrucksstarken Stimme fußt sie tief im Flamenco, dessen charakteristische Elemente wie palmas (rhythmisches Klatschen) oder pitos (Fingerschnippen) sie total organisch mit elektronischer Popmusik am Puls der Zeit und abgefahrenen R’n’B-Elementen mischt – eine unwiderstehliche Melange, wie sie so noch nie zu hören war. Das atmet die Kraft jahrhundertealter Traditionen und ist dennoch absolut tanztempeltauglich. Besonders im 7. Kapitel „Badgad“ gerät Rosalía gar in Björk-Nähe, wobei sie deren nordische Elemente naturgemäß durch maurische bzw. orientalische ersetzt. Das Video zur ersten Singleauskopplung „Malamente“ wurde 100 Millionen-mal angeklickt und liefert wegen seiner – aus meiner Sicht – witzigen Mischung aus Streetdance und Stierkampfszenen und der Verhohnepipelung religiöser Motive reichlich Munition für die Empörung traditionalistischer spanischer Kreise, die es schon nicht ertragen können, wenn Flamencogitarrenklänge elektronisch moduliert werden. Vielleicht ärgert es die Puristen auch besonders, dass das eine macht, die vom Fach ist, denn Rosalía graduiert am höchst angesehenen Catalunya College of Music in Barcelona, wo sie Flamenco und Musikproduktion studierte. Jedenfalls überwiegt in Spanien bei weitem die Euphorie. So ist allein „Malamente“ für fünf Latin Grammy Awards nominiert, und Rosalías Schauspiel-Karriere wird ebenfalls befeuert, engagierte doch Pedro Almodóvar den zukunftsträchtigen Jungstar für seinen im Frühling 2019 erscheinenden Film „Dolor y gloria“ als Partnerin von Penélope Cruz und Antonio Banderas. Die halbe Stunde Spielzeit von „El Mal Querer“ mag in Summe ein kurzes, dafür aber ein höchst abwechslungsreiches und mit musikalischen Überraschungen gespicktes Vergnügen sein, und die Leidenschaft Rosalías überträgt sich mühelos auch auf des Spanischen nicht mächtige HörerInnen. Es scheint, als kämen die lange erhofften neuen Impulse für die Pop-Musik aus einer völlig unerwarteten Richtung.

(Sony)

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