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05.12.2018 |  Peter Füssl

Andrew Cyrille: Lebroba

Der 79-jährige New Yorker Schlagzeuger Andrew Cyrille, der um drei Jahre jüngere Trompeter Wadada Leo Smith und Bill Frisell, mit 67 Jahren Jüngster des Trios, zählen zum Urgestein der ECM-Geschichte und zu wichtigen Protagonisten der letzten Jahrzehnte unkonventioneller Jazzgeschichte. Sie legen jetzt im Trio eine Produktion vor, die vom Gestus her den Willen zum und die Freude am Experiment gleichermaßen wie das kraftvolle Selbstverständnis der 70er-Jahre auferstehen lässt, gleichzeitig aber auch durchaus heutig ist.

Der Titel „Lebroba“ setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Geburtsorte der Musiker zusammen Leland (Smith), Brooklyn (Cyrille) und Baltimore (Frisell) und soll, so Cyrille, das Trio buchstäblich zusammenschweißen – was auch gelungen ist. Andrew Cyrille ist kein Timekeeper im klassischen Sinn, sondern umspielt die Zeit, deutet den Takt nur an, setzt mit viel Gefühl kommunikative Akzente, nimmt Tonlagen und Stimmungen auf, lässt seinen Mitmusikern und den Zuhörern Raum und ist auf genial unaufdringliche Weise stets präsent. Er unterlegt die Rhythmusarbeit nicht, sondern setzt sie mitten hinein. Bill Frisell zieht alle Register seines breitgestreuten gitarristischen Repertoires, streut schwebende Lautmalereien ein, steuert krachend Verzerrtes bei und implementiert mit seinen gezupften Harmonien dezentes Americana-Feeling. Im Epizentrum des musikalischen Geschehens brilliert Wadada Leo Smith mit seinem intensiven, gefangennehmenden Spiel auf der Trompete – ob er nun wundervolle melodische Linien emotional explodieren lässt, oder mit gestopftem Horn melancholische Glanzlichter setzt. Er steuert mit „Turiya“, seiner vierteiligen, 17-minütigen Hommage an Alice Coltrane, die zum Teil konventionell, zum Teil graphisch notiert allen Beteiligten ideale Spielräume eröffnet, auch das längste Stück bei. Von Andrew Cyrille stammt das lässig bluesige Titelstück und die Zeit und Raum vergessen lassende Ballade „Pretty Beauty“, die als Schlussstück des Albums stimmungsmäßig den Bogen zu Bill Frisells Opener „Worried Woman“ schließt. So etwas bringen nur große Könner zustande, die aus einem riesigen Fundus an Erfahrungen schöpfen können und sich wechselseitig potenzieren, weil sie sich nicht in den Vordergrund spielen müssen und die Chemie zwischen ihnen perfekt stimmt!

(ECM/www.lotusrecords.at)

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