Tom Hanks zwischen Wutbürger und gnadenlosem Ordnungshüter derzeit in den Kinos in „A Man Called Otto“ .
Peter Füssl · 30. Nov 2022 · CD-Tipp

Owls: Wendolins Monocle

Das zweite Album des Trios Owls – bestehend aus Simon Oberleitner (Piano, Electroacoustics), David Ambrosch (Kontrabass) und Konstantin Kräutler-Horváth (Drums, Sampling) – kann man gleich auf mehreren Ebenen genießen. Da wären einmal als konzeptioneller Ansatz eine Art philosophisch-wissenschaftlicher Überlegungen zum Zusammenhang von Mikro-, Makro- und Mesokosmos – betrachtet aus der Sicht des jungen Wendolin, der mit dem Blick durch das Monokel die Zeit stillstehen lassen und in diverse Welten eintauchen kann. Es ist ein Spiel mit Perspektiven und Wahrnehmungsebenen, die Kleines ganz groß und Großes ganz klein werden lassen können.

Man kann sich vorstellen, als Winzling durch einen gigantischen Wald aus Moos zu wandern („Moss and Stone“) und sich innerhalb eines riesigen Wurzelsystems auf die Reise in die Vergangenheit zu begeben („The Root“). Oder im Opener „Prunus Serrulata – And Suddenly Silence“ mit Hilfe der von der speziell gefeaturten Veronika Morscher geschriebenen und stimmungsvoll interpretierten Lyrics über jenen ultrakurzen Moment der absoluten Ruhe nachzudenken, der zwischen einem abgeschlossenen Akt der Vergangenheit und zukünftigen Ereignissen liegt. Solche Gedankenspiele sind natürlich ausgesprochen reizvoll, aber „Wendolins Monocle“ bietet auch großes Vergnügen, wenn man sich von diesem Hintergrundwissen unbeleckt schlicht der Musik hingibt. Simon Oberleitner, der für den Großteil der Kompositionen verantwortlich ist, hat ein gutes Händchen für eingängige Melodien, interessante Harmonie und effektvolle dramatische Spannungsbögen. Nicht weniger einfallsreich agiert er am Piano, das er – irgendwo im Spannungsfeld zwischen Modern Jazz und expressiver Kammermusik angesiedelt – auf geschmackvolle Weise auch elektroakustisch auslotet. David Ambrosch entlockt seinem Kontrabass stets die passenden Grooves, sorgt mit eleganten Läufen für eine solide Basis und lässt den Tieftöner auch mal singen. Konstantin Kräutler-Horváth erweist sich als ausgesprochen sensibel agierender und einfallsreicher Schlagzeuger, der soundreich Stimmungen zu akzentuieren versteht, aber durchaus auch handfest zur Sache gehen kann. Perfekt ins ausgeklügelte Sound-Konzept passt auch der zweite special guest Herbert Walser-Breuß, der einige Titel mit seinem exzellenten Spiel auf Trompete und Kornett veredelt, indem er mit viel Gefühl die wundervollsten Stimmungen zaubert. Beispielhaft sei hier auf „The Storm“ verwiesen, das den Bläser eindrucksvoll ins Rampenlicht eines von allen Musikern spannungsvoll inszenierten Klanggemäldes rückt. Soundmäßig eindrucksvoll aus der Reihe tanzt das auf ein Märchen von Oscar Wilde verweisende „The Fisherman And His Soul“ mit seinen teilweise effektgeladenen Pianotönen, einer von Morscher geflüsterten Textpassage und Kräutler-Horváths eigenwilliger Begleitung auf der tönernen, mit bloßen Händen gespielten afrikanischen Udu-Drum. „Das Wissen lehnt an den Rückwänden seiner Gegenstände“ lautet der seltsame Titel einer Spoken-word-Performance von Klaus Haberl zu kraftvollen Modern Jazz-Klängen, die in der anschließenden Ballade „Blessing“ einen sanften Konterpart finden. Dass am Ende des Albums als allerletztes Stück „Introducing Wendolin“ mit seinen High-Energy-Anflügen steht, lässt auch auf einen extravaganten Humor und viele frische Ideen schließen. Und wer dann immer  noch weitere Anregungen braucht, kann schließlich noch mit einem auf dem Booklet gedruckten QR-Code ergänzendes Material wie Filme, Zeichnungen, Fotos, Texte etc. abrufen.               

(Intersections)