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Peter Füssl · 05. Dez 2022 · CD-Tipp

Jakob Bro / Joe Lovano: Once Around The Room – A Tribute To Paul Motian

Am 22. November 2021, also exakt am zehnten Todestag des unorthodoxen Schlagzeugers und Komponisten Paul Motian, der als außergewöhnlicher Bandleader sechzig Jahre lang gleich mehrere Generationen von Musikern nachhaltig beeinflusste, traf sich in Kopenhagen ein illustres Trüppchen erstklassiger Instrumentalisten, um der Jazz-Ikone eine ganz besondere Ehrerbietung zu erweisen. Zu diesem Zweck trommelten der dänische Gitarrist Jakob Bro und der amerikanische Saxophonist Joe Lovano eine höchst außergewöhnliche Besetzung zusammen – bestehend aus drei Bassisten (Larry Grenadier und Thomas Morgan am Kontrabass, Anders Christensen an der Bassgitarre) und den beiden Schlagzeugern Joey Baron und Jorge Rossy. Von den Drummern abgesehen hatten alle Beteiligten mit Motian zusammengearbeitet, die beiden Co-Leader empfinden ihn gar als einen prägenden Einfluss.

Lovano war drei Jahrzehnte lang Mitglied des legendären Paul Motian Trios mit Bill Frisell. Er habe von Motian gelernt, dass es in der Musik um tiefes Atmen und genaues Zuhören gehe, dass man gleichzeitig führen und folgen, den Raum mit den anderen teilen und sich von der Musik tragen lassen sollte, und dass es nicht so sehr um instrumentale Virtuosität gehe, wie um die Kunst des Improvisierens, darum, den Augenblick voll zu erfassen und in der Musik total präsent zu sein. Jakob Bro wirkte 2006 auf Motians ECM-Album „Garden of Eden“ mit und schätzt dessen ästhetische Empfindsamkeit, seine integrierenden Fähigkeiten als Bandleader und besonders das harmonische Universum seiner Kompositionen, was ihn letztlich dazu animierte, auch seine eigene Stimme zu finden. Der Opener „As It Should Be“ aus der Feder Lovanos eröffnet mit seinem brodelnden rhythmischen Untergrund, den darübergelegten expressiven Saxophon-Linien und den schräg-verzerrten Gitarrenharmonien jene spannungsgeladene Atmosphäre, die für weite Strecken des Albums prägend ist. Die außergewöhnliche Konstellation erfordert kreatives und höchst sensibles Interplay, was klarerweise besonders auch in der Gruppenimprovisation „Sound Creation“ zum Tragen kommt. Lovanos zehn Minuten langes „For The Love of Paul“ eröffnet nicht nur dem Saxophonisten viel Raum, sondern verblüfft vor allem auch durch die ausgefallenen Sound-Ideen Jakob Bros. Aus seiner Feder stammen die beiden Ruhepole des Albums, das stimmungsvoll verträumte „Song To An Old Friend“ und der Americana-hafte Closer „Pause“, in dem sich die warme Gitarrenmelodie kunstvoll mit den Bässen verquickt und Lovano einen nahezu idyllischen Abgang zaubert. Dazwischen ist die einzige Komposition Paul Motians angesiedelt: „Drum Music“ war erstmals auf dessen 1985-er Album „Jack of Clubs“ (Soul Note) zu finden, wo auch schon Lovano zu hören war, aber auch fast 25 Jahre später auf dem Live-Album „Lost in a Dream“ (ECM).  Hier entfaltet das Septett nochmals seine volle Kraft, Joe Lovano steigert sich höchst eindrucksvoll ins Exzessive, Bro entfesselt eine verzerrt Gitarrenorgie, in die der Saxophonist mit adäquaten Tönen einsteigt, und am Anfang und am Ende verblüffen sie mit einer donnernden Unisono-Passage. Klar, „Once Around The Room“ ist keine einfache Kost, sondern ein anspruchsvolles Vergnügen, in das man sich einhören muss. Dafür wird man dann bei jedem Durchlauf mit neuen reizvollen Details belohnt.

(ECM/Universal)