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05.03.2020 |  Peter Füssl

Oded Tzur: Here Be Dragons

Diese unglaubliche Zartheit und Tiefe von der ersten Sekunde weg nimmt einen total gefangen! Mit einer wohltuenden Unaufgeregtheit lädt der in Tel Aviv aufgewachsene und in New York lebende Oded Tzur zu einer unglaublich spannenden musikalischen Entdeckungsreise ein. Diese führt allerdings nicht zu gigantischen Seeschlangen, Monstern und Drachen, wie der auf den lateinischen Spruch „Hic sunt dracones“ zurückgehende Albumtitel vielleicht nahelegt. Denn das bezeichnete auf frühen Weltkarten unerforschte und somit risikobehaftete Gegenden. In unserer unruhigen, schnelllebigen, übertrieben geschäftigen und reizüberfluteten Zeit kann das eigentlich Sensationelle vielmehr auch im genauen Gegenteil all dessen liegen.

Der 34-jährige Tenorsaxophonist studierte in Rotterdam beim indischen Bansuriflöten-Meister Hariprasad Chaurasia, beschäftigte sich dabei eingehend mit Mikrotonalität und macht das Konzept der Ragas zur Inspirationsquelle für seine Eigenkompositionen. Dabei sieht er die nordindische Tradition aber in einem umfassenden Zusammenhang mit Synagogengebeten, dem Blues und anderen archaischen Musikformen in aller Welt. Tzurs Landsmann, der Pianist Nitai Hershkovits, der aus Griechenland stammende Kontrabassist Petros Klampanis und US-Drummer Johnathan Blake sind die idealen Brüder im Geiste für diese gleichermaßen subtilen wie eleganten, melodisch und harmonisch bezaubernden Stücke, die zu reizvollen musikalischen Interaktionen einladen. Oded Tzurs von der Phrasierung her exzeptionellen, klangfarbenreichen Saxophonlinien graben sich tief in die Seele ein –Vergleiche mit John Coltrane sind durchaus passend –, er ist aber auch ein begnadeter Geschichtenerzähler, der selbst in den zauberhaftesten Balladen stets eine Grundspannung beibehält. Hershkovits erweist sich ihm als intuitiver und einfallsreicher Partner an den Tasten, und Klampanis und Blake treiben das rhythmische Geschehen mit großer Sensibilität und dennoch höchst effektiv voran. Nach drei eher kontemplativen Stücken präsentieren sich der Pianist, der Bassist und der Bandleader in drei kurzen Miniaturen jeweils solistisch ebenfalls von ihrer einfühlsamen Seite, ehe mit „The Dream“ das lebhafteste Stück des Albums beweist, dass man sich auch auf forciertes und impulsiveres Musizieren bestens versteht. Faszinierend ist auch, wie der sechzig Jahre alte Elvis-Schmachtfetzen „Can’t Help Falling In Love“ als sehnsuchtsvoll dahingehauchte Schlussnummer perfekt ins atmosphärisch dichte Konzept passt. Er liebe solche außergewöhnlichen Herausforderungen, betont Oded Tzur, denn gerade abseitiges Material sich stimmig zu eigen zu machen, sei besonders reizvoll. ECM-Chef Manfred Eicher hat mit diesem exzellenten Quartett jedenfalls wieder einmal ein ausgesprochen zukunftsträchtiges Projekt in die Startlöcher geschoben.           

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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