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10.03.2020 |  Peter Füssl

Carla Bley – Andy Sheppard – Steve Swallow: Life Goes On

“Life goes on. / On and on. /And then one day ... / Carla was hit by a bucket of shit / and the band played on. / She opened the door and was hit by some more / and the band played on. / Could this be the ending or just the beginning / of life without music or fun? / But wonderful stuff had just barely begun / and the band played on.” Die in lyrischer Form gehaltenen Liner-Notes demonstrieren eindrücklich, wie sich Carla Bley einem schweren gesundheitlichen Einbruch vor zwei Jahren mit Galgenhumor und Kreativitätsschub erfolgreich widersetzte. Anschließend hat sie die in drei Suiten zusammengefassten Stücke gemeinsam mit ihren Langzeitpartnern Steve Swallow und Andy Sheppard auf zahlreichen Konzerten (Bley versteht Auftritte als Probemöglichkeiten für ihre Kompositionen) intensiv geprobt und verfeinert und letztes Jahr in Lugano aufgenommen.

Das Trio besteht seit 25 Jahren, hat bereits drei exzellente Alben vorgelegt und kennt sich – im besten Sinne, nämlich ohne ermüdende Routineerscheinungen – wohl in- und auswendig. Carla Bley hat also ihre Triologpartner schon beim Schreiben im Ohr, alles wirkt maßgeschneidert und lässt dennoch genügend Raum, einander mit spontanen Einfällen immer noch zu überraschen. Das in den Liner-Notes beschriebene, vierteilige Titelstück beginnt mit einem lapidaren, zentnerschweren Bluesmotiv, gewinnt aber in knapp 25 Minuten zunehmend an hoffnungsfroher Leichtigkeit und ist durchsetzt mit überraschenden Wendungen und hintergründig witzigen Einfällen. Zwar behauptet Bley, sich selber zu 99 Prozent als Komponistin und nur zu einem Prozent als Pianistin zu verstehen, damit meint sie aber wohl, dass ihr jegliches virtuose Imponiergehabe völlig fehlt. Selbstredend ist ihr reduziertes und dennoch höchst effektives Pianospiel absolut perfekt und treibt in einer wunderbaren Symbiose mit Steve Swallows singenden E-Bass-Linien wirkungsvolle Blüten. Andy Sheppards kraftvolle Beiträge auf Tenor- und Sopransaxophon markieren die emotionalen Epizentren des musikalischen Geschehens und tragen auf stimmungsvolle Weise enorm zu dessen Farbigkeit bei. Wer hätte gedacht, dass ein Dolm wie Donald Trump mit seiner Begeisterung für Telefone als Inspirationsquelle für eine dreiteilige Suite, nämlich „Beautiful Telephones“, dienen könnte? Elegisches, durchsetzt mit Zitatschnipseln aus patriotisch konnotierten Klassikern wie „The Star Spangled Banner“, „Battle Hymn of The Republic“ oder „Yankee Doodle“, trifft auf eine sprunghafte, zwischen Ungeduld und Begeisterung angelegte Mischung, im finalen Teil zwischen polternder Großmäuligkeit und jammervoller Wehleidigkeit pendelnd. Die Musik sei der kurzen Aufmerksamkeitsspanne des Präsidenten angepasst, lässt Bley dazu in einem ironischen Kommentar wissen. Die letzte Suite „Copycat“ ist eine lebhaft angelegte Auseinandersetzung mit dem Thema „Call &Response“, nicht eben Neuland für alle Beteiligten, aber voller Entfaltungsmöglichkeiten, die sie auch zu nützen wissen. Carla Bley hat mehr als fünfhundert Kompositionen geschrieben und gut drei Dutzend Alben veröffentlicht, und ihre Strahlkraft – ganz besonders in diesem Kammermusikensemble – ist auch mit 83 Jahren ungebrochen.    

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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