Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

01.06.2019 |  Peter Füssl

Michele Rabbia / Gianluca Petrella / Eivind Aarset: Lost River

Wer sich für ansatzweise jazzinfizierte, elektronische Soundtüfteleien jenseits gängiger musikalischer Konventionen nicht erwärmen kann, sollte dieses Album meiden wie der Teufel das Weihwasser. Wer aber schon Eivind Aarsets 2012 veröffentlichtes ECM Debüt „Dream Logic“ mit dem norwegischen Elektronic-Freak Jan Bang spannend fand, wird „Lost River“ als Eldorado für außerordentliche Hörerlebnisse feiern.

Der vielseitige norwegische Gitarrist, der bereits einige für dieses Genre wegweisende Alben, etwa Nils Petter Molvaers „Khmer“ oder „Solid Ether“, mit unkonventionellen Soundtüfteleien veredelte, hat im italienischen Drummer und Elektroniker Michele Rabbia einen Bruder im Geiste gefunden, der sich als erfindungsreicher Impulsgeber erweist. Die beiden spielen etwa im Andy Sheppard Quartet zusammen, viel wichtiger für das aktuelle Projekt sind aber die vielen Duo-Konzerte, in denen sie ihre unverwechselbare Klangsprache entwickeln konnten. Die großteils frei improvisierten Stücke führen den Zuhörer in sich geruhsam entfaltende, äußerst detailreiche Klanglandschaften, in denen Atmosphärisches über gängige Melodien, Harmonien oder durchgängige rhythmische Strukturen dominiert. Rabbias Landsmann Gianlucca Petrella, durch Engagements bei Enrico Rava und Giovanni Guidi in der internationalen Jazzszene bestens bekannt, fügt den elaborierten Soundlandschaften mit seinem ausdrucksstarken Posaunenspiel nicht nur weitere reizvolle Farbschattierungen hinzu, sondern erdet sie auch mit etwas vertrauteren Klängen. Daraus ergeben sich ausgesprochen reizvolle Kontraste, die das musikalische Geschehen beleben und sich dennoch stets organisch in den Gruppensound integrieren. In diesem außergewöhnlichen Spannungsfeld aus Improvisationsmusik und Ambient Music liegen die größten Überraschungen manchmal im Gewöhnlichen – etwa Aarsets konventionelle Gitarrenakkorde auf „What Floats Beneath“ – die hätte an dieser Stelle wohl niemand erwartet. Ein ideales Album, um sich kurz mal aus dem Alltag wegzubeamen – fragt sich nur, ob man dann nochmals zurück will.

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Michele Rabbia.jpg