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29.05.2019 |  Peter Füssl

The National: I Am Easy To Find

Beziehungsprobleme, Trennungsängste, gescheiterte Liebe, das Gefühl, nicht mit- und nicht ohne einander Leben zu können – Melancholie, Resignation und Weltschmerz in kluge und bildreiche Texte gegossen: Von den Themen her ist also auch beim achten Studioalbum alles wie gehabt bei Matt Berninger, den Dessner- und den Devendorf-Brüdern, die vor 20 Jahren aus Ohio nach Brooklyn zogen, um die Welt mit ihrem Indie-Rock zu erobern. Und dennoch ist alles – auf wohltuende Weise – auch ganz anders!

Denn die 16 zum Teil schon länger in den Schubladen schlummernden, aber keineswegs verstaubten Titel illustrieren dieses Mal nicht den üblichen Egotrip Matt Berningers, der mit seinem emotional tiefgehenden Bariton seine – oder unser aller – Misere besingt, sondern bieten erstmals auch den in den Texten angesprochenen Gegenübern Platz für Reflexionen und Dialoge. Gail Ann Dorsey, Mina Tindle, Lisa Hannigan, Sharon Van Etten und Kate Stables, deren eigene Produktionen zum Teil von Aaron Dessner produziert wurden, glänzen mit ihren ausdrucksstarken, alternative-pop-geschulten Stimmen als weibliche Gegenparts. Diese interessante perspektivische Erweiterung ist mit Sicherheit auch ein Produkt der Zusammenarbeit mit Regisseur Mike Mills, der mit seinem Vorschlag, parallel zum Album einen Film mit The National-Musik entstehen zu lassen, das ganze Projekt erst ins Rollen gebracht hatte. Der 24-minütige Schwarzweiß-Kurzfilm, in dem die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander alle Stationen eines Frauenlebens von der Geburt bis zum Tod durchspielt, heißt wie das Album „I Am Easy To Find“ und ist mit Musik aus diesem hinterlegt. Man habe sich wechselseitig beeinflusst, so Mills, der das Verhältnis als jenes von „spielerisch feindlichen Geschwistern, die sich am liebsten gegenseitig bestehlen“ schildert. Folglich war es wohl auch eine logische Konsequenz, sich für die Musikproduktion Frauen an Bord zu holen, wenn der Film gänzlich auf die weibliche Sicht fokussiert ist. Von der musikalischen Seite her betrachtet, laufen Aaron und Bryce Dessner – beide haben sich längst auch als Produzenten, Festivalkuratoren, letzterer auch als Komponist im Klassik- und zeitgenössischen Konzertmusik-Bereich gute Namen gemacht – zu ganz großer Form auf. Sie verfeinern den gewohnten Band-Sound mit viel Piano, filigranen Streichorchesterklängen und den Gesängen des Brooklyn Youth Chorus, für spezielle Effekte holte man sich die Elektroniker Mouse on Mars aus Düsseldorf und Bon Iver mit seinem OP-1 Synthesizer. Aber ganz zum Schluss gibt es dann doch nochmals Matt Berninger pur in der pianolastigen Ballade „Light Years“ zu genießen: „You coulda been right there next to me and I’d have never known (...) And I would always be light years away from you“ – die Damen sollen sich also nur keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben. (4AD/Beggars)

Konzerttipps: Wenn man in der Bodenseeregion zuhause ist, muss man noch ein bisschen Geduld bis zu den nächsten erreichbaren The National-Konzerten haben: 3.12. Samsung Hall Zürich, 4.12. Zenith München, 5.12. Porsche-Arena Stuttgart  

 

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