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06.10.2022 |  Peter Füssl

Michael Wollny Trio: Ghosts

„All the songs are living ghosts and long for a living voice“ – so lautet das aus einem Gedicht des letztes Jahr verstorbenen irischen Poeten Brendan Kennelly stammende Generalmotto, unter das der äußerst kreative, vielseitige und umtriebige deutsche Pianist Michael Wollny die zehn Stücke seines neuesten Albums gestellt hat. Als improvisierender Musiker werde man oft im Moment des Spielens von den Erinnerungen an Stücke heimgesucht, „die so ihre Existenz im Hier und Jetzt fortsetzen“ erklärt der längst international einen exzellenten Ruf genießende Tastenstar, dessen Faible für Übersinnliches, Schattseitiges, Schauriges, Fantastisches, Mysteriöses und Geisterhaftes sich schon in Alben wie „Weltenraum“, „Nachtfahrten“ oder „Mondenkind“ eindrucksvoll manifestiert hat.

So stand am Anfang dieser Produktion ein am literarischen Genre „Southern Gothic“ orientiertes Soundkonzept mit tiefen und dunklen Tönen, verlangsamten Backbeats, Dreckigem und Verzerrtem, ätherischen Synthi-Sounds und enormen Hallräumen, in denen mitunter Echos und überhängende Sounds ihr spukhaftes Eigenleben entwickeln. In Anbetracht dessen ist es wenig verwunderlich, dass sich Wollny statt des Schweizer Kontrabassisten Christian Weber wieder den auch am E-Bass versierten und mit elektronischen Soundtüfteleien bestens vertrauten Tim Lefebvre ins Trio zurückholte. Der unglaublich vielseitige Drummer Eric Schaefer zählt ohnehin schon seit gut zwei Jahrzehnten zum auch die schrägsten Ideen perfekt umsetzenden und vorantreibenden Stammpersonal. Wie gewohnt lässt sich Michael Wollny wieder von Kompositionen aus den unterschiedlichsten musikalischen Quellen inspirieren: von Standards wie Gershwins „I Love You Porgy“ oder Ellingtons „In a Sentimental Mood“ über „Hand of God“ von Nick Cave/Warren Ellis bis zu Schuberts „Erlkönig“. Vom aus der Feder der britischen Synthie-Pop-Band Japan stammenden Titelsong „Ghosts“ über „Willow’s Song“ aus der 1973-er Version des Grusel-Thrillers „The Wicker Man“ bis zu „Beat The Drum Slowly“ der kanadischen Indie-Folk-Rock-Band Timber Timbre, deren Songs sich häufig in den Soundtracks einschlägiger Filmproduktionen finden. Auf inspirierende Weise Verstörendes und Schaurig-Schönes kitzelt Wollny mit seinen Trio-Kollegen aus diesen erstklassigen Vorlagen heraus, indem er sie interessanten Destruktionen unterzieht, einzelne Bestandteile extrahiert, besonders hervorhebt oder verfremdet, seine berühmten „vergifteten Akkorde“ und Dissonanzen einstreut. In dieses Konvolut reihen sich natürlich auch die neuen Wollny-Originals „Hauntology“ und „Monsters Never Breath“ mit ihren selbsterklärenden Titeln perfekt ein. Die beim Zuhören aufziehende Gänsehaut ist wie schon in früheren Wollny-Produktionen dem atmosphärisch in der Schwarzen Romantik angesiedelten Hörvergnügen geschuldet, das dort besonders intensiv ist, wo Erwartetes in Unerwartetes und Vertrautes in Unheimliches kippt. Vielleicht auch als schöner Soundtrack für Halloween, Samhain, die Walpurgnisnacht oder die Rauhnächte zu gebrauchen.

(ACT)

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