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04.10.2022 |  Peter Füssl

Enrico Rava / Fred Hersch: The Song Is You

Von den ersten ausdrucksstarken Tönen weg hört man, dass hier zwei am Werke sind, die sich, die einander und der Jazz-Welt nichts mehr beweisen müssen. Vielgespielte Standards wie Jerome Kerns „The Song Is You“, Monks „Misterioso“ und „‘Round Midgnight“, George Bassmans „I’m Getting Sentimental Over You“ oder Jobims „Retrato em Branco e Preo“ werden mit enormem Wissen und Bewusstsein in Sachen Jazz-Geschichte, aber auch mit einem großen Gespür dafür, dieser neue Aspekte und unvorhersehbare Deutungen hinzuzufügen, nach allen Regeln der Kunst improvisatorisch abgeklopft und veredelt.

Sowohl der 83-jährige italienische Trompeter Enrico Rava, als auch der 66-jährige Pianist Fred Hersch genießen einen hervorragenden Ruf als raffinierte Geschichtenerzähler mit einem ausgeprägten Sinn fürs Lyrisch-Melodische und verstehen es, mit viel Gespür die Impulse des musikalischen Partners aufzufangen, weiterzuspinnen und in Form neuer Inspirationen wieder zurückzugeben. Dafür eignet sich Herschs impressionistisch angehauchte, bereits in vielen Duo-Konstellationen erprobte und in unzähligen Solo-Konzerten perfektionierte Tastenkunst ebenso wie Ravas lebenslang grenzgängerisches, zwischen Jazz-Tradition und avantgardistischen Konzepten angesiedeltes und an Miles Davis und Chet Baker geschultes Spiel auf Trompete und Flügelhorn. Nicht weniger inspiriert als bei den Standards klingen die beiden bei den Eigenkompositionen. Herschs durch eine eingängige Melodie geprägter „Child’s Song“ kommt dank Ravas warmem Flügelhorn-Ton wundervoll zur Geltung – dass sich das Kind in den sieben Minuten Spielzeit zwischendurch auch mal grenzensprengend aufbäumt, erhöht das Vergnügen. Ravas energievolles, in zwei Minuten kurz und bündig abgehandeltes „The Trial“ verlangt nach einem ebenso raschen Urteil: grandios! Auch eine vierminütige Improvisation wurde im November 2021 im akustisch hervorragenden Auditorio Stelio Molo RSI in Lugano aufgenommen, die beweist, dass intuitives aufeinander Zugehen und inspiriertes Zusammenspiel bei Seelenverwandten besonders reizvolle Ergebnisse zeitigt. Da ist – wie im gesamten, von ECM-Chef Manfred Eicher produzierten Album, das in den umfangreichen Oeuvres der beiden Großmeister eine bedeutsame Rolle einnehmen wird – kein Ton zu viel und keiner zu wenig.      

(ECM/Universal)

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