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26.09.2019 |  Peter Füssl

Marie Spaemann: GAP

Für Freunde außergewöhnlichen Singer-Songwritings und exzellenten Cellospiels fällt mit diesem Debüt-Album von Marie Spaemann Weihnachten und Ostern an einem Tag zusammen, denn selten hört man in diesem Genre so erfrischend Originelles und Unverstelltes. Weit entfernt von den teilweise überbordenden Technikorgien, die auch in diesem Genre längst abgefeiert werden, verlässt sich die 31-jährige Wienerin voll auf ihre extrem ausdrucksstarke Stimme, ihr exzellentes Cellospiel und eine simple und überlegt eingesetzte Loopmaschine.

Spaemann hat in Wien und Zagreb Klassik studiert und spielt als Solo-Cellistin mit renommierten Orchestern an ebensolchen Häusern, mit [dunkelbunt] ist sie im Elektroswing-Global-Beat, mit Christoph Pepe Auer im experimentierfreudigen Jazz und mit Christian Bakanic im Ethno-Jazz unterwegs. All diese unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen hat Spaemann zu ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil komprimiert. Das Album wird gleich mit dem Titelstück „GAP“ eröffnet: Gestrichene Cello-Drones schaffen Atmosphäre im Hintergrund, auf dem Körper des Instruments klopft Spaemann den Rhythmus und legt ihre auf eigentümliche Weise gleichzeitig warm timbriert und dennoch selbstbewusst zupackend klingende Stimme in den Vordergrund. Zum Refrain wird das Cello gezupft und geschlagen, klingt abwechselnd auch mal wie ein Bass oder eine Gitarre, sie singt mit ihrer eigenen soul-infiltrierten Backgroundstimme im Duett. Das alles geht unmittelbar unter die Haut und löst Emotionen aus. Ihr Gesang und ihr Spiel klingen dermaßen intensiv und variantenreich, dass es trotz des äußerst reduzierten Instrumentariums und der klaren Strukturen in jedem Stück Neues zu entdecken gibt. Auch der Mix aus Spoken-Word, Lead-Stimme und Backgroundchor – etwa in „Metamorphosis“ – hat durchaus seine Reize. Die Texte sind nicht weniger einfallsreich und umspannen einen weiten Bogen vom sehr Persönlichen zum allgemein Gültigen, manchmal auch gesellschaftspolitisch Relevanten: Das Verlangen nach Freiheit im Kontrast zu den Mühen des realen Lebens, die Notwendigkeit, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, um Gräben zu überbrücken, oder die Notwendigkeit individuellen Denkens und Fühlens, statt sich verlogen anzupassen oder dem Zeitgeist hinterherzuhecheln. Zentral in jeder Hinsicht erscheint das kraftvolle, dreiteilige „Prelude“, in dem Marie Spaemann ein arabisches Liebeslied und das israelische „Shalom Chaverim“ mit der dazwischen gespannten, unglaublich ausdrucksstark interpretierten „Preludio-Fantasia“ des Ravel-Schülers Gaspar Cassadó verbindet. „Sarabande“ und „Gigue“ in exzellenten Versionen sind dann noch eine exquisite Hommage an den von ihr besonders verehrten J.S. Bach. Faszinierend von der ersten bis zur letzten Note, ein genialer Wurf, der Genres und Generationen mühelos miteinander verbindet – no gap at all! (Anthropoet/Hoanzl) 

Konzert-Tipp: Marie Spaemann ist vom 10. bis 13. Oktober Intendantin in Residence beim :alpenarte Festival in Schwarzenberg und hat dort mehrere Auftritte – www.alpenarte.eu 
In der neuen Oktober-KULTUR finden Sie auch ein ausführliches Porträt von Marie Spaemann.

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