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01.10.2019 |  Peter Füssl

Louis Sclavis: Characters On A Wall

Louis Sclavis, eine der zentralen Lichtgestalten der zeitgenössischen französischen Musikszene, hat in den letzten vierzig Jahren seine Experimentierfreude und alle Genregrenzen negierende Spiellust schon in so verschiedenartig und unorthodox zusammengesetzten Formationen ausgelebt, dass es richtig auffällt, wenn er nun in einer „klassischen“ Klavier-Bass-Schlagzeug-Holzbläser-Band tatsächlich Jazz spielt. Und, um es gleich vorwegzunehmen, auch dieses für ihn etwas ungewohnte Outfit steht ihm ausgezeichnet. Für den Großteil der acht neuen Kompositionen seines dreizehnten Albums beim Münchner ECM-Label – und geschätzt fünfundvierzigsten überhaupt – ließ er sich von den Street-Art-Werken seines Langzeitfreundes Ernest Pignon-Ernest inspirieren.

Dies tat er auch schon 2002 für das großartige Album „Napoli’s Walls“, allerdings mit ganz anderen Musikern und auf die öffentlichen Interventionen des Künstlers in Neapel beschränkt. Nun hat Sclavis einen weiteren Kreis von Ramallah bis Rom gezogen und Werke aus verschiedenen Jahrzehnten ausgewählt. Dabei geht es natürlich nicht darum, quasi Musik zur Illustration der in Schwarzweiß gehaltenen Figurenzeichnungen zu machen, vielmehr holt sich Sclavis seine Inspirationen aus der Dynamik, den Spannungen, Emotionen und Hintergedanken, die die jeweils an ganz bestimmten Orten situierten Kunstwerke sehr spontan in den Augen (und wohl auch Ohren) des Musikers hervorrufen. So geht etwa der fast zehnminütige Opener „L’heure Pasolini“ auf eine Darstellung des Dichters und Filmemachers zurück, der quasi seinen eigenen ausgemergelten Leichnam in den Armen trägt. Sclavis schildert, dass er dieses Bild als eine Art Chronik eines vorhergesagten Todes empfand, eine Totenglocke hörte, und dass ihn das abgemagerte Gesicht Pasolinis an Chet Baker und „My Funny Valentine“ erinnerte. All dies sei in einen melancholischen ersten Teil der Komposition eingeflossen, die schließlich in einen kleinen Walzer übergehe, der Pasolinis Seele und mit ihr einen Teil der italienischen Identität wegschwemme. So eine Geschichte bringt natürlich einen Zugewinn an Hörvergnügen, aber die Musik muss selbstverständlich auch funktionieren, wenn man das Bild und die Hintergrundgeschichte nicht kennt. Und das tut sie – und wie sogar! Benjamin Moussey hat das spannungsgeladene und mit Überraschungen gespickte Stück „Shadows and Lines“ beigesteuert und erweist sich wie auch schon auf Sclavis‘ Alben „Sources“ und „Silk And Salt Melodies“ als smarter Pianist mit einem Hang zu wunderschönen lyrischen Klangbildern, die besonders in den melancholisch angehauchten Stücken („La dame de Martigues“) wunderbar zur Geltung kommen. Die J.F. Jenny-Clarke-Schülerin Sarah Murcia verblüfft mit kraftvoll-vitalen Soli, bildet zugleich aber auch mit dem einfühlsam und abwechslungsreich vorantreibenden Christophe Lavergne ein ideales Rhythmusgespann. Und Louis Sclavis zeigt sich sowohl kompositorisch als auch spieltechnisch von seiner allerbesten Seite. Seine expressiven, mit großem Einfühlungsvermögen und spürbarer Leidenschaft intonierten Soli rufen wieder einmal eindrucksvoll in Erinnerung, dass er das Spiel auf Klarinette und Bassklarinette auf ein schier unglaubliches Level gehievt hat. 

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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