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26.05.2022 |  Peter Füssl

Kendrick Lamar: Mr. Morale & The Big Steppers

Das wie ein Schnappschuss wirkende, aber von Renell Medrano perfekt inszenierte Familienfoto mit dem Star auf dem Cover eröffnet eine Menge widersprüchlicher Interpretationsebenen, was charakteristisch ist für das gesamte fünfte Album von Kendrick Lamar, auf das die Fans seit genau 1.855 Tagen gewartet haben, wie der vielleicht wichtigste Rapper der Gegenwart im einleitenden Stück wissen lässt. Vater Kendrick trägt eine Dornenkrone auf dem Kopf – möglicherweise ein zarter Verweis auf die Hoffnungen vieler, die in Lamar eine Art Hip-Hop-Messias sehen, oder soll es nur veranschaulichen, was der von Kindheit an in Compton/L.A. schon alles erleiden musste? Er hält eines seiner Kinder im Arm, die Mutter, seine Lebensgefährtin Whitney Alford, sitzt im Hintergrund und drückt den zweiten Sprössling an ihren Körper. Man schaut aneinander vorbei, und es bleibt auf nervenaufreibende Weise offen, ob die in Lamars Hosenbund steckende Knarre als Symbol für fürsorglichen Schutz oder als Bedrohung zu verstehen ist.

Der mittlerweile 34-jährige Westcoast-Rapper hat es sich und seinen Fans nie einfach gemacht mit klugen Botschaften und einfachen Lösungen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist es höchstverdient, dass er für Alben wie „Pimp A Butterfly“ (2015) oder „Damn“ (2017) mit Grammys überhäuft und sogar als erster Rapper mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Denn Lamar beschreibt höchst wortgewandt, einfallsreich und unkonventionell den bedrückenden Status quo der US-Gesellschaft – gerne anhand subjektiver Probleme und Selbstbespiegelungen aus dem ganz persönlichen Bereich. Selbstkritik und Gesellschaftskritik spiegeln sich wechselseitig. So hadert er auch in den 18 neuen Titeln von „Mr. Morale & The Big Steppers“ wieder wortgewaltig mit den Licht- und Schattenseiten des Ruhms, mit Wohlstandsverwahrlosung, mit den durch soziale Ungerechtigkeiten, strukturelle Gewalt, Rassismus, Sexismus und Homophobie, Transphobie beeinträchtigten Lebensverhältnissen in den schwarzen Hoods, mit problematischen Familienkonstellationen, toxischen Paarbeziehungen und schmerzhafter Identitätssuche zwischen Überheblichkeit und Selbsthass. Opfer- und Täterrolle, die über Generationen hinweg vererbt werden, sind nie eindeutig geklärt, wenn Lamar mit sich und der Welt zu Gericht geht, bleiben immer Selbstzweifel. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der gnadenlose Schlagabtausch mit der Schauspielerin Taylour Paige in „We Cry Together“, ein kaum zu ertragendes verbales Gemetzel mit der möglicherweise höchsten „Fuck you“-Dichte der Rap-Geschichte. Gottesgläubigkeit und Psychotherapien – der Autor spiritueller Bestseller Eckhart Tolle wird erwähnt – werden mehrfach als mögliche Auswege aus den verfahrenen Zwangslagen angepriesen. Weitere Gäste wie Sampha, Summer Walker, Ghostface Killah, Tanna Leone oder Portishead-Frontfrau Beth Gibbons bringen Farbe in das ohnehin schon schillernde musikalische Geschehen, das sich aber ebenso wenig einfach konsumieren lässt wie die Wortebene. Backgroundchöre und Streicher, R’n’B-Einsprengsel, Jazzanklänge, elektronische Samples und Pianotöne in allen Variationen gesellen sich zu den oftmals widerspenstigen Beats – ein anfangs etwas sperrig wirkendes Gemisch, das aber – im Gegensatz zum verbalen Spiel mit den Identitäten – mit jedem Durchlauf zugänglicher wird. Ein intensives Erlebnis mit Langzeitwirkung – an dem sich die Geister scheiden werden.

(pgLang/Top Dawg Entertainment/Interscope/Universal)

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