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18.11.2009 |  Peter Füssl

Keith Jarrett: Testament

Okay, die Behauptung, es gebe nicht bereits ausreichend erstklassige Solo-Piano-Produktionen von Keith Jarrett, wäre einigermaßen vermessen. Man denke an die Konzertmitschnitte aus Köln, Bregenz, Tokyo, aus der Carnegie Hall oder die auf 10 LPs/6 CDs verewigten Sun Bear Concerts oder. Andrerseits hat dieser Jahrhundertpianist aber stets die Gabe, auf seinen physisch und psychisch kräftezehrenden Expeditionen in unerforschte musikalische Gebiete wirklich Einzigartiges zu erschaffen.

Und so war es zumindest punktuell auch Ende November/Anfang Dezember 2008 im Salle Pleyel in Paris und der Royal Festival Hall in London, wo Keith Jarrett sozusagen um sein (zumindest musikalisches) Überleben spielte – in zwei von ihm kurzfristig angesagten Konzerten, die ihn vor der lähmenden Einsamkeit und der schlichten Verzweiflung schützen sollten, nachdem ihn seine Frau nach dreißig Ehejahren verlassen hatte. Er rate seinen Schülern immer, so zu spielen, als sei es das letzte Mal im Leben. Dieser Ratschlag sei  damals plötzlich für ihn selber nicht mehr nur theoretisch sondern todernst geworden, erzählt Jarrett in seinen sehr ausführlichen Linernotes, die extrem aufschlussreich für seine Soloarbeiten insgesamt sind. Keith Jarretts musikalisches Testament auf drei CD-Längen? Wir wollen’s nicht hoffen, solange er noch so voller innovativer Ideen steckt und die Schraube der Improvisationskunst immer mal wieder um eine Drehung weiterbringt, wenn er seinen einzigartigen musikalischen Kosmos stets neu zu erschaffen versucht. Auch wenn er dabei manchmal selbst am Rand der Erschöpfung noch nicht halt macht und die Bühne wie in London unter Tränen verlässt und für seine malträtierten Hände anschließend eine spezielle Therapie braucht.

(ECM / Vertrieb: Lotus Records)

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