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12.03.2019 |  Peter Füssl

Joachim Kühn: Melodic Ornette Coleman

Free Jazz-Legende Ornette Coleman war eher zurückhaltend und besonders wählerisch, wenn es um Pianisten ging. Er nahm mit Paul Bley und Geri Allen auf, ein ganz besonderes Verhältnis entwickelte er aber zum vierzehn Jahre jüngeren deutschen Pianisten Joachim Kühn, mit dem er zwischen 1995 und 2000 sechzehn Duo-Konzerte gab. Vor jedem Konzert ließ er Kühn nach New York einfliegen und probte mit ihm sieben Tage à 14 Stunden lang zehn neue Kompositionen in seinem Harmolodic Studio in Harlem ein, die dann im Konzert aufgeführt wurden, ehe sie wieder in der Schublade verschwanden.

Kein Stück wurde zweimal gespielt, und Coleman hat nur eines davon selbst auf Platte verewigt – „Lonely Woman“. Diese Komposition steht nun in zwei Versionen („rambling“ und „ballad“) am Beginn und am Ende eines Konvoluts von zwölf Coleman-Kompositionen, die Joachim Kühn aus den insgesamt 170 Stücken, zu denen er als einziger die Noten und auch die Originalaufnahmen besitzt, ausgewählt hat. Kühn hat sich auf seinem Steinway in seinem Heimstudio auf Ibiza voll ausgelebt, schwelgt zwischen lyrischen Exkursen und explosiven Eruptionen, zwischen technischer Brillanz und improvisatorischem Genie. Vielleicht werden manche Jazz-Fans, die zu Ornette Colemans nicht unbedingt leicht verdaulichen „Harmolodics“ und radikalen Vorstellungen von musikalischer Freiheit keinen Zugang fanden, überrascht sein vom melodischen Reichtum, der in diesen Kompositionen schlummert und nun von Joachim Kühn auf geniale Weise freigeschürft und ans Tageslicht gebracht wurde. Natürlich haben wir es immer noch mit komplexen Strukturen zu tun, aber es ist kaum möglich, sich der ungeheuren Intensität, dem wuchtigen Sog, den der Pianist in seinem Spielrausch entwickelt, zu entziehen. Als „Bonus track“ bezeichnet Kühn schließlich seine mit „The End Of The World“ betitelte, ganz besondere Hommage an den großen Impulsgeber und musikalischen Bilderstürmer, der 2015 im Alter von 85 Jahren in New York verstorben ist. Sieben Minuten halsbrecherische Piano-Artistik wahrlich apokalyptischen Ausmaßes, die es kaum möglich erscheinen lassen, dass Joachim Kühn am 15. März seinen 75. Geburtstag feiert. Das schönste Geschenk hat er sich – und damit auch uns – mit dieser exzellenten Platte wohl selber gemacht.

(ACT)

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