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27.08.2020 |  Peter Füssl

Immanuel Wilkins: Omega

63 Minuten und 25 Sekunden an furiosen Ausbrüchen voller Trauer und Wut im Wechselspiel mit Phasen beruhigender Kontemplation bietet das Blue Note-Debütalbum des erst 22-jährigen Altsaxophonisten und Komponisten Immanuel Wilkins. Sein souveräner Umgang mit der Jazztradition umfasst Einflüsse aus Gospel, Blues, Post-Bop, das Erbe Monks und Coltranes ebenso wie die Errungenschaften des Free Jazz. Vor allem aber betrachtet er seine Musik auch als Transportmittel für wichtige gesellschaftspolitische Inhalte. So ist das Album als emotional bewegendes Statement zur Situation der Black Society in den Vereinigten Staaten konzipiert, die sich in den letzten hundert Jahren trotz aller Proteste und Demonstrationen kaum zum Guten gebessert hat.

„Ferguson – An American Tradition“ thematisiert den gewaltsamen Tod des unbewaffneten Schülers Mike Brown, der 2014 von einem Polizisten erschossen wurde, „Mary Turner – An American Tradition“ den grausamen Lynchmord an einer Schwangeren im Georgia des Jahres 1918. Auf geniale und tief unter die Haut gehende Weise versteht es Wilkins, Leid, Trauer und Zorn über rassistisch motivierte Ungerechtigkeiten und für Schwarze oft tödliche Willkür in kraftvolle Töne zu gießen. Gemeinsam mit einem jungen, seit vier Jahren zum Quartett geformten und wie erfahrene alte Cracks muszierenden Dreamteam ­­– bestehend aus Pianist Micah Thomas, Kontrabassist Daryl Johns und Drummer Kweku Sumbry – gelingt es ihm, den Horror in einem Rausch an wilden Rhythmen und Harmonien und solistischen Aufschreien hörbar zu machen. Wie akustische Ruheinseln nehmen sich im Vergleich dazu lyrische Kompositionen aus, wie das dem Autor und ersten schwarzen Vorsitzenden der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) gewidmete „The Dreamer“ oder „Grace and Mercy“. 2013 schrieb Wilkins als 15-jähriger Student an der renommierten Juilliard School in New York – wo Pianist Jason Moran, der dieses Album produzierte, und Trompeter Ambrose Akinmusire zu den wichtigsten Mentoren des jungen, aus der Umgebung von Philadelphia stammenden Saxophonisten wurden – eine rund 25 Minuten lange, vierteilige Suite. Sie ist eine Art Kernstück dieses großartigen Albums, das einerseits die kompositorischen Talente des Bandleaders voll zur Entfaltung bringt und andererseits Raum für solistische Eskapaden aller spieltechnisch höchst versierten Beteiligten bietet – hitzige Gruppenimprovisationen eingeschlossen. Von Immanuel Wilkins wird man noch viel hören!

 (Blue Note/Universal)

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