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29.01.2020 |  Peter Füssl

Halsey: Manic

„,Manic‘ is hip-hop, rock, country, fucking everything – because it’s so manic!”, erklärte Halsey der US-Ausgabe des “Rolling Stone”, und in der Tat hat sich der 25-jährige Superstar, der in keine Schublade passt und trotzdem extrem erfolgreich ist, beim dritten Album keinerlei Zwänge oder Selbstbeschränkungen in irgendeine Richtung auferlegt.

Musikalisch wildert sie in allen Genres und Sub-Genres, die ihr gerade Spaß machen, kratzt mal mit Fingerpicking am Sound von Taylor Swift oder mit gerade hippem Elektro-Pop an jenem von Billie Eilish. Mit Hilfe einer Handvoll erfahrener Producer und ihrer wandlungsfähigen und ausdrucksstarken Stimme macht sie letztlich ohnehin alles ganz zu dem Ihren. Dass man mit so unterschiedlichem Material auch in den unterschiedlichsten Charts landen kann, wird sie als netten Nebeneffekt gerne in Kauf nehmen. Ist also alles nur dem Big Business dienendes Kalkül?
Dem widerspricht die schonungslose Offenheit in ihren Lyrics, denn Halseys öffentlich gelebtes „tri-bi“-Dasein (bisexual, biracial, bipolar) hat sie schon eine Menge leidvoller Erfahrungen machen lassen, die sie in den sechzehn Songs ohne Netz und doppelten Boden und in griffigen Worten verarbeitet. Der Künstlername Halsey ist bekanntlich ein Anagramm, eigentlich wurde sie als Ashley Nicolette Frangipane in New Jersey geboren. Dass der Album-Opener mit “Ashley” betitelt ist, darf man folglich ebenso als Hinweis darauf deuten, dass sie hier im Vergleich mit den ersten beiden Alben weniger „Literarisches Ich“ vor ihr reales schieben will, wie ihr PR-Statement „An Album made by Ashley for Halsey“. Ihr rund 9 Millionen Mal verkaufter Megaseller „Without Me“ findet sich nun auch auf „Manic“ und dreht sich um die Frage, wie man als Superstar letztlich ziemlich einsam auf dem Thron sitzend mit seinem Leben umgehen soll. Ihren Song „More“ richtet Halsey, die drei Fehlgeburten zu beklagen hat, an ihr vorerst leider nur imaginäres Kind. Während sie ihrem Ex-Lover, dem Rapper G-Eazy, ein trotziges „Nobody loves you, they just try to fuck you / and put you on a feature on the B-side“ nachwirft, versichert sie ihrer prominenten Duett-Partnerin Alanis Morissette „Your pussy is a wonderland / I could be a better man /It doesn’t matter to me“. Wenn man meint, der Titel des musikalisch verspielt herüberkommenden „I Hate Everybody“ sei quasi selbsterklärend, machen die Eingangszeilen „I’m my own biggest enemy / Yeah, all my empathy’s a disaster“ klar, dass es auch hier um schmerzhafte Selbsterkenntnisse, manchmal gepaart mit selbstzerstörerischen Tendenzen geht. Halsey ist eine schonungslose Beobachterin ihrer selbst, etwa wenn sie in „Still Learning“ frustriert feststellt: „I should be living the dream / But I go home and I got no self-esteem”. Aber sie sei ja immer noch am Lernen, sich selbst zu lieben, wiederholt sie dann unzählige Male wie ein tröstliches Mantra. Im eindrucksvollen Closer „929“ singt sie dann schließlich „And I can’t believe I still feed my fucking temptation / I’m still looking for my salvation.” Tja, soll man Halsey/Ashley die Erlösung wünschen, oder darf man als Musik-Fan auch fucking zynisch egoistisch sein? Schließlich leidet (möglicherweise öfters melodramatisch als wirklich tragisch) kaum jemand auf so faszinierend kreative Weise wie sie.

(Capitol/Universal)

Konzert-Tipp: Halsey gastiert unter anderem in München (Zenith, 29.2.) und Zürich-Dübendorf (Samsung Hall, 2.3.)

 

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