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16.07.2019 |  Peter Füssl

Edmar Castañeda & Grégoire Maret: Harp vs. Harp

Das „versus” im Albumtitel ist total irreführend, denn der kolumbianische Harfenvirtuose Edmar Castañeda und der aus Genf stammende Mundharmonikaspieler Grégoire Maret musizieren natürlich nicht „gegeneinander“, sondern auf unglaublich einfühlsame Weise miteinander, sich mit inspirierenden Dialogen wechselseitig zu musikalischen Höchstleistungen anspornend. Beide spielen zwar absolute Außenseiterinstrumente im Jazz, die Listen ihrer Kooperationspartner in ihrer beider Wahlheimat New York lässt aber keinerlei Zweifel offen, mit welchen Kapazundern wir es hier zu tun haben. Bei Castañeda stehen unter anderem Paquito D’Rivera, John Scofield und Wynton Marsalis in der Vita, Maret arbeitete unter anderem für Jacky Terrasson, Steve Coleman, Herbie Hancock und Pat Metheny, auf dessen Grammy-gekröntem „The Way Up“ er mitspielte.

In der Band von Marcus Miller trafen die beiden zum ersten Mal direkt aufeinander und waren sogleich vom originellen Zusammenklang ihrer Instrumente begeistert. Zwar liegen Castañedas Wurzeln auf der aus der Orinoco-Region stammenden 32-saitigen Arpa Llanera in der südamerikanischen Folklore, während sich Maret ursprünglich an den großen Mundharmonikaspielern des Blues orientierte, beide vereint aber die intensive Suche nach neuen Ausdrucks- und Klangformen sowie ihr enormes kreatives Potential. Das von ihnen entfachte rhythmische und melodische Feuerwerk geht trotz aller Ecken und Kanten leicht ins Ohr und stellt ihr improvisatorisches Potential eindrucksvoll unter Beweis. Mit dem quicklebendigen Opener „Blueserinho“ aus der Feder Marets wird gleich die enorme Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten demonstriert, während sein „Hope“ mit sehnsuchtsvoller lyrischer Kraft zum Träumen verführt. Castañedas „Acts“ wird durch die suggestive Erzählstimme seiner Frau, der Vokalistin Andrea Tierra, veredelt, die in „Romance de Barrio“ mit ihrem erdig-expressiven Alt wunderschöne Tango-Melancholie verströmt. Sehr interessant wird es klanglich, wenn sich zu den beiden „harps“ auf der Castañeda-Komposition „No Fears“ ein weiteres Außenseiter-Instrument zum Trialog gesellt, nämlich das Banjo Béla Flecks. Da bahnen sich explosive Saitengefechte an, die ihre dramatischen Höhepunkte in der Komposition „Santa Morena“ des jüdisch-brasilianischen Mandolinen-Virtuosen Jacob do Bandolim erreichen. Aber auch Altbekanntes gewinnt in dieser außergewöhnlichen Konstellation an neuer Attraktivität: Etwa Charlie Hadens großartige Ballade „Our Spanish Love Song“, die der Bassist einst auf zwei legendären Alben sowohl mit seinem Quartet West als auch im Duo mit Pat Metheny veröffentlicht hat. Oder Luiz Bonfás brasilianischer Gassenhauer „Manhã de Carneval“, der hier wieder völlig unverbraucht klingt. Klar, diese Instrumentenkombination profitiert von ihrem reizvollen exotischen Flair, es ist aber das musikalische Potential Marets und Castañedas, das „Harp vs. Harp“ zum Aha-Erlebnis werden lässt.

(ACT)   

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